Konjunktur und Krise?, No 2

»Es gibt ein Kunstgesetz, das ewig ist: Wir wollen nicht gelangweilt werden!«, so fasst Kurt Tucholsky die Essenz des künstlerischen Schaffens zusammen. Nicht nur der künstlerisch Schaffende, sondern auch der Betrachter, der Vermittler, der Organisator oder der Anwohner oder Passant möchten nicht gelangweilt werden.
Besonders Kunst im öffentlichen Raum scheint es diesbezüglich schwer zu haben. Der Kontext der Öffentlichkeit ist sehr komplex und bildet ein anspruchsvolles Arbeitsfeld. Hohe künstlerische Ansprüche, aber auch strukturelle Faktoren wie strenge Reglementierungen, ein breites Zielpublikum, aber mittlerweile auch eingeschliffene Routinen gehören oft zu den langwierigen Prozessen von Projekten im öffentlichen Raum. Ist diese Ausgangslage, die oft beklagt wird, der Grund für die vielen Arbeiten, die uns als Kompromiss begegnen, banal und austauschbar wirken, uns langweilen oder sogar belehren wollen? Hat die Kunst im öffentlichen Raum ihre Funktion eingebüsst, diesen als politisch und umkämpft zu thematisieren? Oder sind die Beispiele für »Kunst im öffentlichen Raum« heute einfach so zahlreich und vor allem vielfältig geworden, dass sie so gar nicht mehr zu den bekannten Formen wie Brunnen und Metallskulpturen passen wollen, und darum vom Publikum tendenziell nicht mehr als Kunst dieses Genres wahrgenommen werden?
Kunst im öffentlichen Raum wird zur Zeit als Genre und Begriff grundsätzlich in Frage gestellt. Und dies zu einem Zeitpunkt, in dem in diesem Kontext Konjunktur herrscht: unzählige Projekte werden realisiert, zahlreiche Publikationen erscheinen, Ausstellungen werden eröffnet und eine breite Palette an Ausbildungsgängen wurde in den letzten Jahren initiiert. Die öffentliche Domäne hat in der aktuellen Gesellschaft einen weitaus grösseren Stellenwert als je zuvor bekommen.
Konzepte, Begrifflichkeiten und Kontexte für Kunst und Öffentlichkeit sind im Wandel, lösen sich auf und greifen nicht mehr so gut wie auch schon. Das Feld ist dadurch einerseits so breit wie noch nie und neue Felder werden bespielt und zugleich sind die historisch gewachsenen strukturellen Faktoren eng wie bisher – der beste Moment um der Langenweile zu entkommen und Kunst in öffentlichen Sphären neu anzugehen?
In dieser Ausgabe spüren wir den Aufbrüchen und Vorstössen nach, die auszubrechen versuchen aus diesem bestehendem Rahmen von Kunst in öffentlichem Raum, welcher Art er auch immer sein mag – räumlicher, juristischer, begrifflicher, organisatorischer – und neue, oder vielleicht einfach andere Wege wagen.
Das Institut Kunst im Kontext an der UdK Berlin hat anfangs Februar in einem Workshop seine Aufgabe als Lehrbetrieb grundsätzlich hinterfragt: Ist Kunst im öffentlichen Raum ein überholtes Genre künstlerischen Arbeitens? Hat künstlerisches Arbeiten im öffentlichen Raum überhaupt noch ein (kritisches) Publikum? Martin Schmidl vom Institut Kunst im Kontext berichtet über die unterschiedlichen Ansätze, die an diesen beiden Tagen vorgestellt und diskutiert wurden.
Ute Vorkoeper und Andrea Knobloch breiten ausgehend von der Frage nach der Standortbestimmung des künstlerischen Arbeitens im öffentlichen Raum das Feld neugierig und erfrischend aus, indem sie sich von verknöcherten Begrifflichkeiten verabschieden und uns sanfte, tastende und überraschend direkte Konzepte und Zugangsweisen anbieten.
Valerie Bussmann zeigt anhand der Arbeit »les deux plateaux« von Daniel Buren das komplexe Feld von langwierigen Kunstprojekten und deren enge Koppelung an das politische System auf.
Cecilie Sachs-Olsen fragt unter dem Titel »Revisiting de Certeau«, welche Konzepte, die Michel de Certeau in seinem Text »Die Kunst des Handelns« zu Alltag und Öffentlichkeit anbietet, denn heute noch taugen? Wie werden sie rezipiert und wie kann man sie weiterdenken?
Markus Miessen betrachtet den Aufschwung der partizipativen Methoden in Kunst und urbaner Planung kritisch und zeigt auf, welche Denkweisen diese implizieren.
Ole Frahm von der Künstlergruppe LIGNA und Daniel Hauser von RELAX erzählen zwei Interviews von Ihren Ansätzen, um Lücken im öffentlichen Raum zu finden und zu bespielen und damit subversive, kritische und überraschende Projekte zu realisieren.
Wolfgang Kaschuba wiederum nimmt das Thema der Krise des öffentlichen Raumes auf, reflektiert diese und führt uns eine Palette von Ausprägungen von Öffentlichkeitskonzepten vor.

Crossbenching – Interview with Markus Miessen

Federica Bueti: I would like to start from the very beginning, from a simple question that could help us to contextualize your practice. When and how did you become interested in participatory practices? And what interests you in a collaborative … Beitrag ansehen

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Kunst im Stadtraum / Kunst am Bau und Denkmalskunst – Zwei Arbeitsbereiche mit Schnittmengen und fliessenden Übergängen

Stefanie Endlich für den Workshop »Kunst im öffentlichen Raum« am Institut Kunst im Kontext, UdK Berlin, 8./9. Februar 2013 Block 1: »Offiziöse Kunst im öffentlichen Raum« Beim Blick auf die Überschrift des ersten Themenblocks war ich zunächst etwas irritiert. »Offiziöse … Beitrag ansehen

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Zur »Wiederbelebung des staatlichen Kunstauftrags« in Frankreich während der 1980er Jahre: »Les deux plateaux« von Daniel Buren im Ehrenhof des Pariser Palais-Royal

Sprach man in Frankreich noch wenige Jahre zuvor von einem Niedergang der Denkmalkultur, was zugleich als Symptom eines auch gesellschaftspolitischen Werteverlusts gedeutet wurde,1 sollte sich dies ab Beginn der 1980er Jahre ändern: So wurde unter Staatspräsident François Mitterrand die sogenannte … Beitrag ansehen

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Welche Kunst in welchem öffentlichen Raum? Der Text zum Workshop

Das Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin bietet einen Weiterbildungsstudiengang an für Berufsfelder, die auf Kunst und Gestaltung bezogen sind. Einer der Schwerpunkte dieses Masterstudiengangs liegt auf der Kunst im öffentlichen Raum. Im vergangenen Wintersemester … Beitrag ansehen

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Geplanter Verschleiss (Amnesie)? / planned erosion (Amnesia)?

Der harte Kern der Künstler_innengruppe RELAX (chiarenza & hauser & co) besteht aus Marie-Antoinette Chiarenza und Daniel Hauser, wobei das »& co« für wechselnde Kooperationen mit anderen Kunstschaffenden steht. Seit die beiden sich 1983 in einem Squat in Paris kennenlernten … Beitrag ansehen

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Die Rückkehr verdrängter Gespenster. Radio als Medium der Intervention

Die Gruppe LIGNA existiert seit 1997, sie besteht aus den Medien- und Performancekünstlern Ole Frahm, Michael Hüners und Torsten Michaelsen. Allen Arbeiten von LIGNA ist gemein, dass die Künstler ihr Publikum als zerstreutes Kollektiv von ProduzentInnen begreifen. In temporären Assoziationen … Beitrag ansehen

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Kontextkomplex: Kunst quer durch hybride Zeit-Räume

1. Geteilte Zeit-Räume »Der Mann lächelte. Er sass zwei Sitzreihen vor mir, telefonierte und lächelte. Aufblickend um den Stationsnamen zu entziffern, schaute ich jedes Mal in sein lächelndes Gesicht. Nein, kein Flirt. Für die Dauer eines Telefongesprächs hatte dieses Lächeln … Beitrag ansehen

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Repräsentation im öffentlichen Raum

I. Der öffentliche Raum ist nicht nur im Gerede, er scheint in akuter Gefahr. Ihm droht offenbar ein regelrechtes Massaker: Er wird verdrängt und geschrumpft, fragmentiert und kontrolliert, perforiert und zerstört. So jedenfalls lauten unsere Diagnosen. Rein sprachlich betrachtet, klingt … Beitrag ansehen

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Spatial thinking and artistic practice – re-visiting Michel de Certeau

It seems to be a dominant assumption today, that art can only be critical if it occurs outside the institutions. This assumption has its roots in a long tradition of cultural theory treating the streets as the place for opposition, … Beitrag ansehen

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Literaturliste zu Konjunktur und Krise?

Pro qm, die thematische Buchhandlung zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst und Theorie aus Berlin, hat für Common – Journal für Kunst & Öffentlichkeit aktuelle Literatur zum Thema zusammengestellt: Tom Finkelpearl What We Made. Conversations on Art and … Beitrag ansehen

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