Kunst-Orte im Wandel, No5

Dass sich kulturelle Landschaften ständig verändern, ist systemimmanent, sogar notwendig, damit Kultur lebt. Was lebt, wächst und verändert sich in Grösse und Form – und es bewegt sich an andere Orte! Die Faktoren für dieses ständige Entstehen, Wachsen, oder auch Vergehen sind so vielfältig, komplex und hybrid wie die Existenzmuster der Kultur.
Mit dem Thema der Ausgabe Nummer 5 von »Common – Journal für Kunst & Öffentlichkeit« greifen wir eine seit längerem aktuelle und wenig grundsätzlich beleuchtete Debatte auf: die jüngsten Veränderungen der kulturellen Landschaft in der Kunst. In den letzten Jahren stieg der finanzielle Druck auf die Institutionen, deren Mittel wurden teils stark gekürzt und die politische Legitimation der Kunstförderung wurde mehrfach fundamental in Frage gestellt. Insbesondere kleinere und mittlere Institutionen gerieten dadurch in Existenznot. Die veränderten Rahmen-bedingungen wirkten sich auf unterschiedlichen Ebenen auf diese Kunst-Orte aus: strukturelle, personelle, politische und inhaltliche Aspekte müssen in diesem Kontext nun neu verhandelt werden. Diese Entwicklungen der letzten Jahre im internationalen Umfeld weisen überraschende Ähnlichkeiten auf. Zwar steht eine umfassende Analyse nicht nur auf internationaler, oder europäischer Ebene, sondern auch auf nationaler Ebene aus. Dennoch können wir schon heute feststellen, dass sich hybride Konstellationen fast durch alle denkbaren Ebenen ziehen – sie reichen von Finanzierungsmodellen (z.B. public-private Partnerships) bis zu grundlegenden Rol-lenverständnissen innerhalb der Gesellschaft (bilden off-, oder off-off-spaces noch eine Gegenkultur ab?).
Wir tragen in dieser Ausgabe unterschiedliche Ansätze zusammen und blicken nach Adligenswil, Paris, Bochum, Hong Kong, London und Berlin. Dabei interessieren wir uns nicht nur für die Reflexion bestehender Strukturen, sondern auch für neue Konzepte und Projekte, die auf die einschneidenden Veränderungen zu reagieren versuchen. Und wie in jeder Ausgabe von »Common« suchen wir nach der Durchlässigkeit der unterschiedlichen disziplinären Diskurse und setzten so auf eine produktive Reibung der diskutierten Konzepte. Welche Szenarien weisen in die Zukunft? Und welche Handlungsräume eröffnen sie?
Rachel Mader reflektiert in ihrem Beitrag die strukturellen und institutionellen Hintergründe der aktuellen künstlerischen Produktion. Differenziert breitet sie das komplexe Feld aus und setzt die Schweizerischen Verhältnisse mit denjenigen von England in Beziehung. Ihre Fragen werden zusehends brisant und es wird deutlich, welche Analysearbeit noch zu leisten ist.
Das Museum 1 in Adligenswil, – ein von Stephan Wittmer initiiertes Projekt – ist ein Ansatz, der seiner Struktur und Form nach radikal anderen Antworten sucht, um die gegenwärtige Kulturlandschaft zu bespielen und zu beanspruchen. In seinem Beitrag gewährt uns Stephan Wittmer eine Innensicht.
Ausgehend von einem öffentlichen Gespräch über Kunst und Politik zwischen Pius Knüsel, dem ehemaligen Direktor der pro helvetia und Mitautor des vieldiskutierten Buches »Kulturinfarkt« und Stephan Wittmer, dem Initiator des »Museum 1 – ein offenes Museum für Zeitgenössische Kunst« beleuchtet Pablo Müller die Zusammenhänge zwischen so genannten selbstorganisier-ten, alternativen Projekten und Kunstinstitutionen. Exemplifiziert wird dieses Verhältnis an den beiden Museen M+ in Hong Kong und dem Museum 1 in Adligenswil.
Wie kommt es, dass ein international und erfolgreich agierender Kurator, der zahlreiche Institutionen in der Schweiz und im Ausland gegründet und geleitet hat, ausgerechnet eine neue mobile Ausstellungsplattform gründet? Marc-Olivier Wahler stellt in seinem Beitrag die »Chalet society« vor und gewährt uns Einblick in seine Beweggründe und Hoffnungen.
In Bochum wiederum wurde das »C60: Collaboratorium für kulturelle Praxis« eröffnet. Von dessen Initiator Sven Sappelt erfahren wir, wie sich das C60 nicht nur im Spannungsfeld zwischen den Disziplinen, sondern auch zwischen verschiedenen Strukturen und mit unterschiedlichen Motivationen organisiert und bewegt. Kunst und Wissenschaft, öffentliche und private Einrichtungen wie auch Hochschule und Stadt kooperieren.
Auch in Berlin, dem bis vor kurzem für die Kunst noch so fruchtbaren, da günstigen und freien Boden, hat sich die Situation stark geändert. Dieser Tatsache gehen Friedrike Landau und Henning Mohr in ihrem Beitrag nach. Welche kulturpolitischen Strategien sind in Berlin ersichtlich? Welche Tendenzen zeichnen sich ab? Und welche Fragen stellen sich dabei?
Neoliberale Strukturen und deren Einfluss auf die Kulturlandschaft sind in England schon deutlich länger ein Thema, als dies in der Schweiz der Fall ist. Rebecca Gordon-Nesbitt lässt die mehrjährigen Diskurse Revue passieren und wagt einen ehrlichen Blick auf die Debatte um den Wert von Kultur in England.
Über die Auflösung des Gegensatzes von institutionellen und selbstorganisierten Strukturen denken Stine Hebert, Anne Szefer Karlsen und David Blamey in ihrem Gespräch nach. Sie berichten von eigenen Erfahrungen, da sie als freie Kuratorinnen und Kuratoren geschickt in und mit diesem hybrid gewordenen Feld agieren müssen. Sie eröffnen eine reflektierte Sicht auf die Bedingungen der kulturellen Landschaft und verweisen dabei auf zahlreiche Projekte der letzten Jahre.
Welche Experimente wohl einen Nährboden für nachhaltig überlebensfähige und sinnvolle Strukturen innerhalb der realen kulturellen Landschaft bieten werden, lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt nur schwer sagen. Dass hingegen die aktuelle kulturpolitische Situation differenziert analysiert werden und auf dieser Basis die Debatte um den Wert von Kultur ausgehandelt wer-den müsste, daran führt kein Weg vorbei.

Kollaborative Praxis als institutionelles Modell: CLB Berlin und C60/Collaboratorium

Zwischen der prekären Existenz von freiberuflichen Kulturproduzenten und dem Beharrungsvermögen öffentlich subventionierter Kultureinrichtungen erstreckt sich ein weites Feld an Organisationsformen von Kultur, das künftig genauer erschlossen werden sollte. Im folgenden werden zwei Beispiele zur Diskussion gestellt, die gegenwärtig den Ernstfall … Beitrag ansehen

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Kunstorte im Kampf um die Zukunft: Konsequenzen für Berlins (kultur- und raum-)politische Agenda

Seit dem Fall der Mauer ist Berlin rasant zu einem internationalen Kunst-Hotspot aufgestiegen: Dabei hat sich nicht nur die Zahl der Berliner KünstlerInnen stark vermehrt – schätzungsweise 40.000 freischaffende KünstlerInnen leben und arbeiten über die ganze Stadt verteilt – auch … Beitrag ansehen

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Chalet Society

Lorsque s’est achevé mon mandat de six ans au Palais de Tokyo, je me suis posé la question : »Si je pouvais aujourd’hui créer l’institution artistique idéale, quelle serait sa structure, sa programmation, ses préoccupations ?« Cela fait environ 20 ans que … Beitrag ansehen

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SELF-ORGANISED

DAVID BLAMEY: My understanding of the term ‘self-organised’ within the art context is that it describes how groups, collectives, and other networks of individuals can operate independently from institutional and corporate structures. Self-organised initiatives appear to have strived to be non-hierarchical and … Beitrag ansehen

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Cultural Value in Englandshire: A Candid View

The early twenty-first century will be remembered as the era in which the capitalist world admitted that it had forgotten how to value the arts and culture in anything other than economic terms. The noughties began with an enthusiastic embrace … Beitrag ansehen

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Museen ohne Mauern. Von Adligenswil bis Hong Kong

Am 22. Oktober 2014 fand in Adligenswil im Rahmen des Projektes Museum 1 eine Podiumsdiskussion statt. Neben dem Initiator des Projektes Stephan Wittmer – er ist Künstler und Dozent an der Hochschule für Design & Kunst Luzern – sassen Irene … Beitrag ansehen

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Das Museum1 in Adligenswil: eine Innensicht

  Das Museum1 ist vorerst das, was es ist: eine Ideengrube auf einem real existierenden Grundstück in Adligenswil. Die Baubrache am nördlichen Dorfausgang dient als Planungsfläche und Denkraum für ein offenes Museum für zeitgenössische Kunst. Entgegen allen Vorstellungen von idealen … Beitrag ansehen

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Kunst organisieren – Anmerkungen zur institutionellen Verfasstheit künstlerischer Produktion

„All art is organised“ – diese scheinbar in gleicher Weise selbstverständliche wie harmlose Wendung nutzt das interdisziplinäre britische Kollektive critical practice in einem kurzen Text auf ihrer Homepage und benennt damit eines ihrer zentralsten Anliegen. Daran anschliessend folgt die Spezifizierung … Beitrag ansehen

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Literaturliste zu Kunst-Orte im Wandel

Pro qm, die thematische Buchhandlung zu Stadt, Politik, Pop, Ökonomiekritik, Architektur, Design, Kunst und Theorie aus Berlin, hat für Common – Journal für Kunst & Öffentlichkeit aktuelle Literatur zum Thema zusammengestellt: Markus Metz, Georg Seeßlen Geld frisst Kunst, Kunst frisst … Beitrag ansehen

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