Museen ohne Mauern. Von Adligenswil bis Hong Kong

Kunst-Orte im Wandel, No5.

Am 22. Oktober 2014 fand in Adligenswil im Rahmen des Projektes Museum 1 eine Podiumsdiskussion statt. Neben dem Initiator des Projektes Stephan Wittmer – er ist Künstler und Dozent an der Hochschule für Design & Kunst Luzern – sassen Irene Lussi Fries, eine Vertreterin der Kulturkommission der Gemeinde Adligenswil, und Pius Knüsel, der ehemalige Leiter der Kulturstiftung Pro Helvetia und Mitautor der kulturpolitischen Streitschrift Der Kulturinfakt, auf dem Podium. Rachel Mader moderierte das Gespräch. Sie leitet den Forschungsschwerpunkt Kunst, Design & Öffentlichkeit an der Hochschule für Design & Kunst Luzern.

Museum 1 – ein offenes Museum für Zeitgenössische Kunst, Gespräch Kunst und Politik, Adligenswil, 22. Oktober 2014. Foto: Pablo Müller

Museum 1 – ein offenes Museum für Zeitgenössische Kunst, Gespräch Kunst und Politik, Adligenswil, 22. Oktober 2014. Foto: Pablo Müller

Die Diskussion kreiste um Stephan Wittmers Museum 1 und die Möglichkeit mit diesem Projekt in Adligenswil einen Ort der kulturellen Produktion und Vermittlung zu realisieren. Das Gespräch, das im Folgenden in Teilen wiedergegeben und kommentiert wird, verweist beispielhaft auf eine seit einigen Jahren den Kunstbetrieb prägende Annäherung zwischen so genannten selbstorganisierten, alternativen Projekten und Kunstinstitutionen. Diese vormals kulturell, gesellschaftlich und politisch in Abgrenzung zueinander agierenden Bereiche überlappen sich zusehends. Sie bauen beide auf bestimmte, der Kunst gesellschaftlich zugeschriebene Werte und versuchen diese einzulösen. Diese Verschiebung zeigt sich exemplarisch an dem in Hong Kong geplanten Museum M+ , das übrigens auch Pate stand bei der Namensgebung von Museum M1.

Darstellung M+ Museum, entworfen von Herzog & de Meuron und TFP Farrells. Foto: Herzog & de Meuron und West Kowloon Cultural District Authority

Darstellung M+ Museum, entworfen von Herzog & de Meuron und TFP Farrells.
Foto: Herzog & de Meuron und West Kowloon Cultural District Authority

 

Museum M1 ist nicht Museum M+?

Rachel Mader: Um was geht es bei dem Projekt Museum M1?

Stephan Wittmer: Eine Reihe von Beobachtungen gingen dem Projekt Museum1 voraus. Edvard Munch hatte eine Art Freiluft Atelier. Das war eine Bretterbude. Im Winter liess er seine Bilder verschneien und bei Hagelwetter verhagelten sie. Auch Giovanni Segantini arbeitete in einem rudimentären Bretterverschlag auf einer Alp. Auf der anderen Seite gibt es gigantische, geplante Museumsbauten. In Hong Kong entsteht beispielsweise gerade das Museum M+, in das die Sammlung chinesischer Gegenwartskunst von Uli Sigg kommt.

Meine Frage für das Projekt ist nun: Könnte man nicht von ganz unten beginnen, eigentlich mit Nichts? Ich habe kein Geld. Ich habe einfach viele Ideen. Eigentlich – so dachte ich mir – brauche ich nur eine Brache. Mir reicht eine Brache. Dort möchte ich versuchen ein Museum, einen Ort der Vermittlung, mit einfachsten Mitteln aufzubauen. 

Stephan Wittmers Projekt erhält seine Kontur in Absetzung zu dem in Hong Kong geplanten Museum M+.1 Tatsächlich könnten diese Projekte unterschiedlicher kaum sein. Stephan Wittmer wohnt in Adligenswil. In diesen Lebensraum greift der Künstler ein und versucht ihn, mit den bescheidenen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln zu gestalten. Das Museum M1 hat keinen Masterplan.

Museum 1 – ein offenes Museum für Zeitgenössische Kunst, Gespräch Kunst und Politik, Adligenswil, 22. Oktober 2014. Foto: Pablo Müller

Museum 1 – ein offenes Museum für Zeitgenössische Kunst, Gespräch Kunst und Politik, Adligenswil, 22. Oktober 2014. Foto: Pablo Müller

Die Planung selbst wird erst in Austausch mit anderen Künstler/innen und in Einbezug der lokalen Akteure entwickelt. Mit seinem Projekt zielt Stephan Wittmer also keineswegs auf einen internationalen Kunststandard sondern zeugt von der Suche nach einer Politik, die »von unten« getragen ist. Wittmer ist bemüht um die Nähe zur lokalen Bevölkerung und möchte diese in das Projekt mit einbeziehen. Der Fokus liegt in den konkreten, die Gemeinde prägenden Begebenheiten.

Dagegen ist das Museum M+ Teil einer städtebaulichen Entwicklungsstrategie und in eine übergeordnete Planung eingebunden. Mit M+ soll in Hong Kong im West Kowloon Cultural District bis ins Jahr 2018 das weltweit grösste Museum für chinesische und asiatische Kultur des 20. und 21. Jahrhunderts entstehen.

Mobile M+: Inflation!, 2013.  Foto: West Kowloon Cultural District Authority

Mobile M+: Inflation!, 2013.
Foto: West Kowloon Cultural District Authority

Neben visueller Kunst gehören Design, Architektur und das bewegte Bild zu seinem Bestand. Der geografische Fokus liegt auf Hong Kong, dem chinesischen Festland und Asien. Das Museum hat aber einen globalen Anspruch.2 Entworfen haben den 60000 Quadratmeter umfassenden Bau die Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron in Kooperation mit Firma TFP Farrells. Der Bau ist in der Fläche doppelt so gross wie die Tate Modern in London und kostet um 600 Millionen US Dollar. M+ ist im Anspruch und in den Dimensionen eines der gigantischsten Museumsprojekte, die in den letzten Jahren weltweit für zeitgenössische Kunst entstanden sind.3

In direkter Absetzung zu diesem Megaprojekt entwirft Stephan Wittmer seine Vision eines Museums. Auf einer ungenutzten Bauparzelle am Rande der 5000 Seelengemeinde Adligenswil möchte der Künstler mit dem Projekt Museum 1 einen Produktions- und Vermittlungsort schaffen. Es geht hierbei weniger um die Vermittlung gesicherter kultureller Werte. Vielmehr sollen die kulturellen Werte in Austausch mit Interessierten verhandelt und entwickelt werden. Das Atelier als Ort der künstlerischen Produktion wird dabei gleichsam erweitert und in den öffentlichen Raum verlegt. Die Nachbarschaft, Studierende und Freunde sind zur aktiven Beteiligung und gemeinsamen Produktion eingeladen. Die finanziellen Mittel sind beschränkt. Umso mehr ist das Projekt auf die freiwillige Mitarbeit angewiesen. Aus einer solchen, gemeinschaftlichen Wirtschaft soll für Wittmer in Absetzung zu den nach einem Masterplan entworfenen Projekt M+ eine Politik von unten entstehen.

Der von Stephan Wittmer im Podiumsgespräch hergestellte Kontrast von M1 und M+ ist auf den ersten Blick einleuchtend. Er verliert jedoch bei genauerer Betrachtung an Schärfe.

 

Das Neue entsteht aus dem Nichts

Rachel Mader: Ist das Projekt M1 etwas Besonderes für Adligenswil?

Irene Lussi Fries: Es ist eine sehr spezielle Idee, etwas ganz Neues für Adligenswil. Ich denke, es wird viel zu reden geben.

Rachel Mader: Herr Knüsel, im Vorfeld dieses Gespräches habe ich ihr Buch »Der Kulturinfarkt« gelesen und gedacht, M1 wäre für sie im Sinne der im Buch formulierten Forderungen ein Vorzeigeprojekt. Ist das so? Wenn ja, inwiefern?  

Pius Knüsel: Die Hauptthese des Buches ist: Es gibt zu viele Institutionen und zu wenig Raum für Neues.4 Die Museen sind keine Orte, an denen Aussergewöhnliches und Anderes passiert. Des Projekt M1 ist aus der Perspektive des Buches sehr begrüssenswert. Leute mit neuen Ideen kommen von ausserhalb der Mauern; Mauern sind gerade dafür da, das Geschaffene und Bestehende zu schützen und zu tradieren. Neues lassen sie nur durch, wenn es entschärft ist. Es ist äusserst wichtig, das, war ausserhalb der Mauern geschieht und seine finale Form noch nicht gefunden hat, wahrzunehmen, ihm Raum und Ressourcen zu geben.

Für Pius Knüsel sind Museen statisch. Ihre trägen, institutionellen Strukturen verhindern kulturelle Innovationen. Das Neue ist für ihn in erster Linie jenseits der Institutionen denkbar. Für Knüsel verkörpert Wittmers Museum 1 dieses Agieren jenseits institutioneller Mauern in idealer Weise und verspricht– zumindest potentiell – Neues hervorzubringen. Das brach liegende, unbebaute Stück Land steht sinnbildlich für diesen Willen zum Aufbruch. Denn in Adligenswil verhinderte eine zu eng gefasste Bauzonenordnung bisher eine Überbauung des nun von Wittmer genutzten Grundstückes.

Interessant ist, dass ganz ähnlich auch das Museum M+ in Hong Kong auf einer mitten in der Stadt liegenden Freifläche entsteht; Land, das erst durch die künstliche Aufschüttung eines Teiles des Hafens aus dem Meer gewonnen wurde.5 Beide Projekte sind von einem wagemutigen Pioniergeist getragen. Jacques de Meuron spricht von dem zu bebauenden, jungfräulichen Boden. Der Künstler Stephan Wittmer betont die Bedeutung des »Nichts« und sieht dies in gewisser Weise in der Brache verkörpert. Der Architekt und der Künstler treten in der Rolle des visionären Inventors auf. Beide Projekte, M1 und M+, versprechen etwas aus dem Nichts zu erschaffen und erfüllen so gerade die an die Kunst gestellte Erwartung nach Innovation.

 

»More than a Museum«

Rachel Mader: In welche Richtung könnte das Projekt M1 gehen?

Stephan Wittmer: Institutionen repräsentieren eine Art Machtstruktur. M1 hat den Untertitel »offenes Museum für zeitgenössische Kunst«. Ich stelle mir vor, dass es ein Museum ist, das dauernd geöffnet ist, 24 h am Tag das ganze Jahr über. Es ist auch in dem Sinn, dass womöglich gar kein Dach braucht. Ich finde, es sollte sich organisch aus Anliegen, Bedürfnissen, Fragestellungen entwickeln wie zum Beispiel: Wie gross muss eine Wand sein? Wo beginnt eine Wand? Wie lang soll sie sein, wie breit? Wird diese Wand vielleicht einmal dicker? Gibt es eine Nische darin? Gibt sie Schutz?

Die Institution »Museum« repräsentiert für Stephan Wittmer, wie auch für Pius Knüsel, ein machtvolles Dispositiv. Ihre Macht zielt auf den eigenen Erhalt und ihre formalisierten, reglementierten Abläufe verhindern eine Entwicklung. Dieser Starrheit stellen Stephan Wittmer und Pius Knüsel ein prozesshaftes, offenes Vorgehen gegenüber. Dieser Ansatz ist jedoch nicht neu: denn in den letzten Jahren liess sich insbesondere in den Institutionen für Gegenwartskunst eine Tendenz hin zu prozesshaften Strategien beobachten. Nicht nur die Institution Museum selbst wird vermehrt prozessorientiert gedacht.6 Auch integrieren Museen experimentelle, prozesshaft angelegte künstlerische Strategien in ihr Programm. Und sogar die Museumsgebäude werden von Architekten vermehrt im Hinblick auf mögliche und ortsspezifische Kunstwerke hin entworfen.7 Das Museum von heute will agile, flexible Strukturen bieten.8

M+ ist exemplarisch für diese Entwicklung. «More than a Museum» ist der Slogan des geplanten Museums. In einer Promotionspublikation wird weiter erläutert: »A Museum is more than a building.«9

Tomas Saraceno, Poetic Cosmos of the Breath, Mobile M+ Inflation, 2013 Foto: West Kowloon Cultural District Authority

Tomas Saraceno, Poetic Cosmos of the Breath, Mobile M+ Inflation, 2013
Foto: West Kowloon Cultural District Authority

Tsang Kin-wah, The Fourth Seal, Mobile M+ Yau Ma Tei, 2012 Foto: West Kowloon Cultural District Authority.

Tsang Kin-wah, The Fourth Seal, Mobile M+ Yau Ma Tei, 2012
Foto: West Kowloon Cultural District Authority.

2012 lancierte M+ mit Mobile M+ eine Serie von temporären, mit dem Stadtraum und der lokalen Bevölkerung interagierenden Projekte. Ziel dieser vor der eigentlichen Eröffnung des Museums laufenden Serie war die Erprobung einer situativen, nicht an eine bestimmte Architektur gebundenen Museumsarbeit.

Lars Nittve möchte diese in Mobile M+ entwickelte, prozesshafte Arbeitsweise auch im geplanten Museumsbau realisieren. In der Architektur sieht er lediglich ein Mittel; das Ziel ist die Interaktion zwischen Kunst und Publikum.10 Das Museum soll ein sozialer, kultureller Treffpunkt sein. Prozessorientierte, künstlerische Ansätze sind in dieser Form der Museumsarbeit von Anfang an mitgedacht. So hält Lars Nittve geradezu programmatisch fest: »It is also a consequence that not all art, or other forms of visual culture, are made to be seen in a »white cube« or a »black box«. Artists seek the venues and contexts that optimise their ability to realise their vision. If that venue is located somewhere in cyberspace, so be it; if it happens to be a treetop, the museum should go there. All in all, the museum should be a good dancer — and it should be the art that leads in the dance!«11

Leung Mee-ping, I Miss Fanta, Mobile M+ Yau Ma Tei, 2012. Foto: West Kowloon Cultural District Authority.

Leung Mee-ping, I Miss Fanta, Mobile M+ Yau Ma Tei, 2012.
Foto: West Kowloon Cultural District Authority.

Prozesshafte, offen angelegte, künstlerische Arbeitsweisen stehen heute also keineswegs in Widerspruch zu den etablierten Kunstinstitutionen. Sie sind zu einem festen Bestandteil des Programms von Museen, Biennalen und Kunsthallen geworden. Für die Museen des internationalen Kunstbetriebs ist, wie das Beispiel von M+ zeigt, gerade die Integration prozessafter, künstlerischer Formen ein Beleg dafür auf der Höhe der Zeit zu sein.

 

Kunst zur sozialen Aktivierung

Rachel Mader: Was soll dein Museum M1 bewirken? Was würdest du Stephan dir für eine Reaktion von den Leuten vor Ort wünschen?

Stephan Wittmer: Es geht mir um ein Aufwecken. Ein Wecken eines Grundstückes. Hier kann viel geschehen. Kunst soll weitere Ideen freisetzen und etwas in Bewegung bringen. Es ist das erste, ein Anfang, ein Schritt. Und das ist auch so. Ich weiss nicht genau wie es weitergehen soll und darum brauche ich euch. Ich brauche Studierende. Ich brauche Nachbarn. Das kann man nicht alleine machen.

Rachel Mader: Nun hat Adligenswil ein neues Museum. Ist dies das was ihr euch gewünscht habt?

Irene Lussi Fries: Wir von der Kulturkommission fanden es sehr gut, dass in Adligenswil aktiv etwas unternommen wird. In Adligenswil laufen nicht viele neue kulturelle Projekte. Kulturelle Anlässe sind allgemein am Schwinden. Die meisten Leute gehen nach Luzern um Kultur zu erleben. Die Kulturkommission wünscht sich eine Aktivierung der Szene. Deshalb begrüssen wir neue Ideen. Die Adligenswiler Bevölkerung soll merken, hier läuft auch etwas und kann etwas erlebt werden. Über Adligenswil soll gesagt werden: Das ist ein toller, spannender Ort. Das wäre eigentlich unser grosser Wunsch.

Pius Knüsel: Die einzige wirkliche Regel für die erfolgreiche Umsetzung eines solchen Projektes lautet: Es muss lokal getragen werden. Es müssen nicht unbedingt Künstler sein. Wenn es Bürger sind, die hier wohnen und arbeiten, welche in diesem Projekt eine Projektionsfläche sehen, in welche ihre eigene Zukunft mit eingeschrieben ist: dann, nur dann kann es funktionieren.

Irene Lussi Fries hofft auf eine Aktivierung des kommunalen Kulturlebens durch das von Stephan Wittmer initiierte Projekt. Dieser von der lokalen Kulturkommission geäusserte Wunsch deckt sich mit Wittmer’s Appell. Er möchte »das schlafende Land wecken« und etwas in Bewegung setzen.

Ähnliche Erwartungen stehen auch hinter Museum M+. Es ist Teil einer eigentlichen Kulturoffensive der Stadt Hong Kong.12 Der auf dem West Kowloon entstehende, neue Kulturbezirk soll zu einem sozialen Treffpunkt werden und eine nachhaltige, identitätsstiftende Wirkung entfalten. Auch hier steht die Kunst im Dienste einer sozialen Aktivierung. Im ersten Projekt M+ Mobile haben unter dem Titel Yau Ma Tei (2012) sieben in Hong Kong arbeitende KünstlerInnen im Herzen des in der Nähe des geplanten Museumsbau gelegenen Yau Ma Tei Bezirks leer stehende Büro- und Ladenräume und eine Freifläche mit ihren temporären Interventionen besetzt.13 Ähnlich dem Projekt von Stephan Widmer setzten viele der beteiligten KünstlerInnen auf den Einbezug der lokalen Bevölkerung und nutzten die gegebenen kontextuellen Bedingungen.14

M+ und M1 bringen also beide exemplarisch die sozialen Aufgaben zum Ausdruck, die der Kunst heute von der Gesellschaft ebenso wie von den KünstlerInnen zugewiesen werden. So dient die Kunst verbreitet als ein identitätsstiftendes und sozial integratives Medium. Der Kunst wird ein soziokultureller Wert zugesprochen. Sie verspricht Lebendigkeit, Vitalität, Energie und Erlebnis. M1 und M+ sehen – wenn auch unter ganz unterschiedlichen Vorzeichen – in der Kunst die Möglichkeit einer gesellschaftlich integrativen Wirkung.

Der Vergleich macht aber noch etwas anderes deutlich. Etablierte Kunstinstitutionen wie das Museum M+ fokussieren heute auf prozesshafte, partizipative, künstlerische Formate. Durch dieses Bemühen nach Offenheit und ‚Volksnähe’ eignen sie sich eben jene Eigenschaften an, mit denen sich bisher unabhängige Initiativen wie das M1 gegen ausschliessende Mechanismen etablierter Strukturen behaupteten. Die sich abzeichnende Annäherung macht es für selbstorganisierte Projekte notwendig die eigene Position kritisch zu überdenken: Inwiefern bieten unabhängige, selbstorganisierte Projekte heute noch Raum für eine »andere« Kunst? Was unterscheidet diese Projekte von etablierten Kunstinstitutionen? Inwiefern bieten unabhängige Kunstprojekte heute überhaupt einen Freiraum? Von was ist dieser Raum eigentlich frei? Mit prozesshaft angelegter Arbeitsweise und partizipativen Ansätzen alleine ist auf jeden Fall noch keine Alternative gewonnen. Vielmehr läuft der in diesen Projekten oft proklamierte freie und scheinbar unvoreingenommene Austausch Gefahr unkritisch die gesellschaftlichen Erwartungen und bestehenden Machtverhältnisse zu reproduzieren.

  1. Auch mit der Namenswahl Museum 1, in der Kurzform M1, verweist Stephan Wittmer auf das in Hong Kong geplante Museum M+. Bei einer anderen Gelegenheit wies der Künstler sogar explizit auf die Nähe der beiden Namen hin. So werde durch die Betätigung der Shift Taste auf der Computertastatur aus der Ziffer 1 ein Plus Zeichen. Das Museum M+ ist also in mehrfacher Weise Referenz und Anitpode für das in Adligenswil intiierte Museum 1. 
  2. Uli Sigg hat seine herausragende Sammlung chinesischer Gegenwartskunst dem Museum vermacht. Zu dem Museum M+ siehe auf www.westkowloon.hk/en/mplus
  3. Weitere solche Projekte sind Museo nazionale delle arti del XXI secolo (MAXXI) in Rom (2009), das Mori Art Museum in Tokyo (2003), das 21st Century Museum of Contemporary Art in Kanazawa (2004) und das geplante The Museum of Middle East Modern Art in Dubai.
  4. Dieter Haselbach, Armin Klein, Pius Knüsel und Stephan Opitz, Der Kulturinfarkt. Von allem zuviel und überall das Gleiche. Eine Polemik über Kulturpolitik, Kulturstaat, Kultursubvention, München: Albrecht Knaus Verlag, 2012.
  5. Die Architekten Herzog & de Meuron sehen in diesem unberührten Stück Land gerade eine besondere reizvolle Herausforderung und fragen: How should a post-industrial space be created from vacant land? What can lend authenticity to reclaimed land? http://www.herzogdemeuron.com/index/projects/complete-works/401-425/415-m-plus.html.
  6. Im seit 1990 laufenden, kuratorischen Projekt Museum in Progress wird das Museum in eine prozesshaft agierenden, flexible Struktur übersetzt. Auch das 2001 im Museum für Angewandte Kunst in Wien stattgefundene Symposium Das diskursive Museum zeigt eine solche Neudefinition des Museums an.
  7. Ein Untergrund Tunnel des Airport Express wird im geplanten M+ Gebäude freigelegt in der Absicht den KünstlerInnen und KuratorInnen einen Raum für unvorhersehbare Prozesse zu bieten.
  8. Als eine solche prozesshafte Auffassung institutioneller Museumsarbeit kann das vor der Eröffnung lancierte Programm der Tate Modern in London und das Moderna Museet c/o in Stockholm gelten.
  9. M+. More than a Museum, hrsg. von West Kowloon Cultural District, Hong Kong: West Kowloon Cultural District, 2014.
  10. »(…) the building is just a tool, albeit a vital one, in bringing together the artwork, designed artefact or other aspects of visual culture, with the audience.« Lars Nittve, »On Mobile M+«, in: Mobile M+. Yau Ma Tei (Katalog der Ausstellung: Hong Kong, 15.5-10.6.2012), hrsg. von Stella Fong & Shirley Surya , Hong Kong: M+ und West Kowloon Cultural District Authority, 2012, S. 11.
  11. Lars Nittve, »On Mobile M+«, in: Mobile M+. Yau Ma Tei (Katalog der Ausstellung: Hong Kong, 15.5-10.6.2012), hrsg. von Stella Fong & Shirley Surya , Hong Kong: M+ und West Kowloon Cultural District Authority, 2012, S. 11.
  12. In West Kowloon entstehen neben dem Museum M+ über 17 neue kulturelle Veranstaltungsorte. Das sind neben M+ mehrere Theater, ein Musikzentrum mit einem Konzert- und Vortragssaal, eine Freilichtbühne und ein Mega Event Center. Ergänzet wird der neue Kulturbezirk mit einer weitläufigen Parkanlage und einer über zwei Kilometer langen Hafenpromenade.
  13. http://www.mobile-mplus.hk/yaumatei/index.html
  14. Das zweite, eher an einer traditionellen Skulpturenausstellung orientierte Mobile M+: Inflation! (2013) umfasste mehrere, auf der Freifläche des geplanten, neuen Museums platzierte, aufblasbare Riesenskulpturen. Die Werke konnten von den Besucher/innen betreten, berührt und für körperliche Aktivität genutzt werden. Das bis jetzt ambitionierteste Projekt Mobile M+: NEONSIGNS.HK ist eine interaktive, online Ausstellung zu Hong Kong’s Neonlichter. Die Webseite dokumentiert die Kulturgeschichte von Neonlicht in Hong Kong und untersucht seine Bedeutung für die in der Stadt lebende Bevölkerung. http://www.neonsigns.hk/?lang=en.
Verschlagwortet mitKunst-Orte im Wandel, No5.

Über Pablo Müller

Pablo Müller ist Kunsthistoriker und Kunstkritiker. Studium der Bildenden Kunst an der Hochschule Luzern und der Zürcher Hochschule der Künste und Studium der Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Bern. Nach einem Aufenthalt in Berlin und New York promoviert er seit 2014 am Kunsthistorischen Institut der Universität Zürich und arbeitet an der Hochschule Luzern im Forschungsbereich Kunst, Design & Öffentlichkeit.

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