Repräsentation im öffentlichen Raum

Konjunktur und Krise?, No 2

I.
Der öffentliche Raum ist nicht nur im Gerede, er scheint in akuter Gefahr. Ihm droht offenbar ein regelrechtes Massaker: Er wird verdrängt und geschrumpft, fragmentiert und kontrolliert, perforiert und zerstört. So jedenfalls lauten unsere Diagnosen. Rein sprachlich betrachtet, klingt das hochdramatisch. Fast wie die Alarmmeldungen besorgter Wildhüter aus den afrikanischen Nationalparks, wo die Elefanten wieder einmal vom Aussterben bedroht sind. Also retten wir die gefährdete Spezies! Reservate für die Elefanten und für den öffentlichen Raum – heißt die Devise!
Mit dieser ironischen Analogie will ich das Problem, über das wir hier sprechen, keineswegs verharmlosen. Ich will lediglich auf den semantischen Gestus aufmerksam machen, der in unserem Sprachduktus aufscheint. Denn wie im Falle der Elefanten scheint auch hier ein anonymer Akteur am Werke, der den öffentlichen Raum jagt, der ihn jedenfalls so bedrängt, dass wir ihn in unseren Städten kaum mehr vorfinden. Und weil man ihn ebenfalls nicht einfach beliebig züchten und bauen kann, muss er wie die Elefanten als Archetyp geschützt werden.–Doch vor wem? – Wer schießt unser zivilgesellschaftliches Leittier ab? – Der Stadtbaudirektor, der private Investor, der nurmehr konsumierende und privatisierende Bürger?
Da passt die Elefanten-Analogie natürlich endgültig nicht mehr. Elefanten sind Elefanten. Der öffentliche Raum jedoch kommt nur dann als aussterbende Spezies und elefantös daher, wenn wir ihn quasi zoologisch verengen. Wenn wir nur einen bestimmten Typus des Öffentlichen vor Augen haben, nicht eine ganze Gattung, eine Entwicklung. Wenn wir den öffentlichen Raum als ein historisches Fossil betrachten, nicht als eine lebendige Struktur – als etwas, das notwendig auch dem Wandel und der Transformation unterworfen ist.
Worauf ich mit der Zoologie also anspielen wollte, ist die problematische Epistemologie des öffentlichen Raumes, die Geschichte seiner sozialen wie wissenschaftlichen Thematisierung. Und die setzt systematisch vor allem mit der klassischen Formulierung von Jürgen Habermas vom »Strukturwandel der Öffentlichkeit« ein. Mit einer Formulierung, die uns einst das Blickfeld auf »das Öffentliche« überhaupt erst eröffnete.

II.
Nun meinte Habermas’ Öffentlichkeitsbegriff bekanntlich die historisch gebundene Vorstellung einer bürgerlichen Öffentlichkeit der Aufklärung. Einer europäischen Bewegung, die das erstarrte und »kryptopolitische« Gesellschaftssystem des Ancien Régime mittelfristig auf- und ablöste. Zugleich war diese Öffentlichkeit jedoch auch ganz konkret und räumlich gedacht: als jenes typisch europäische Stadtensemble von Marktplatz und Repräsentationsbauten – Rathaus und Kirche, Theater und Museum, Bibliothek und Schule, Poststation und Vereinslokal. Ein idealtypischer und in architektonischer Tradition geformter städtischer Zentralort, an dem sich bürgerliches Geschäft, bürgerliche Geselligkeit und bürgerliches Raisonnement trafen. – Geschäft, Theater, Politik: So wie man sich die Agora der Antike vorstellte.
Zu Grunde liegt dieser Vorstellung der Marktplatz-Öffentlichkeit das Modell einer Bürgerstadt, die vergleichsweise homogen war (jedenfalls in ihren Eliten), deren Interessenkonflikte begrenzt waren, sich argumentativ regeln ließen und deren Öffentlichkeit daher als die historische Wiege »ziviler Gesellschaft« erschien.
Ein schöner Mythos, wie wir heute wissen. Denn so idealtypisch verlief die reale Geschichte nun einmal nicht – nicht einmal Habermas zuliebe. Diese »zivile Stadtgesellschaft« war nicht unbedingt offen, demokratisch und egalitär, weil sie eben nur diese eine, die »bürgerliche Öffentlichkeit« anbot. Jenen Marktplatz der Bürger, der anderen so nicht offen stand: nicht den Arbeitern oder den Stadtarmen, nicht den Jugendlichen oder den Frauen. Die durften sich dort höchstens unter der Obhut der bürgerlichen »Erwachsenen« tummeln.
In seinem sozialgeschichtlichen Bezug nach vorn, auf die Moderne hin, verkörpert das Habermas´sche Marktplatzmodell insofern ein eher restriktives Öffentlichkeits- und Raummodell. Denn es kontrollierte und monopolisierte diesen Ort als den einzig »öffentlichen«. Auf ihm musste alles stattfinden, was überhaupt stattfinden durfte – sozial wie politisch gesprochen. Jedenfalls so lange, bis die historische Wirklichkeit der Stadt und der Arbeitergeschichte, der Jugendkulturen und der Frauenemanzipation, der Konsum- und Freizeitgesellschaft dann darüber hinwegging. Damit sind der historische Ort und das soziale Modell schließlich den Veränderungen der Moderne unterworfen. Nicht so das wissenschaftliche Denkmodell. Es bleibt paradigmatisch bestehen – folgenreich offensichtlich bis heute. Und mit dieser typologischen Fixierung verengt es inzwischen unser Blickfeld der Gegenwart

III.
Damit bin ich – endlich – beim Heute und bei meiner ersten These. Die Städte schrumpfen, zum Teil dramatisch, jedoch nur regional, nicht global. Und ihre Öffentlichkeiten verschwinden ebenfalls keineswegs generell. Vielmehr entwickeln sie sich dezentral, sie transformieren sich, nehmen in den Städten eher die Gestalt von Strukturen und Landschaften an als die zentraler Räume. Aus der historischen bürgerlichen Stadtgesellschaft von Habermas sind längst lokale »Einwanderungsgesellschaften« geworden.
Es sind zentrale Orte, an denen sich – angelockt durch Industriearbeitsplätze und durch die neue moderne Massenkultur – auch neue, sehr gemischte Bevölkerungen angesiedelt haben. Die Stadtgesellschaft selbst ist fragmentiert, pluralistisch, heterogen. Ja, sie ist mit ihrem Weg in diese Moderne zunehmend eine Differenzgesellschaft geworden: eine Gesellschaft des sozialen Unterschieds und der inneren Abgrenzung. Aus diesen Spannungen aber wiederum bezieht sie ihre Entwicklungsdynamik.
Stadt heißt programmatisch: soziale Differenz und kulturelles Anderssein! »Gleich« in diesem Sinne ist man vielleicht noch in Kleinstädten und auf dem Dorf. Um mit Georg Simmel zu sprechen: Der Fremde, der kommt und der bleibt, das ist das Signet der Stadt, der Großstadt, die wächst und »wird«. Und dies gilt besonders für unsere Städte der »Zweiten Moderne«, deren Identität sich unter den Bedingungen globaler Ökonomie, sozialer Differenz und wachsender Zu- wie Abwanderung entwickeln muss.
In dieser Stadt nun fehlt das alte soziale Zentrum, jenes Marktplatz-Bürgertum. Oder es ist jedenfalls nicht mehr in alter Weise gestaltungs- und herrschaftsmächtig – jenseits des Bürgerballs, der Freiwilligen Feuerwehr und des historischen Festzuges. Und auch das räumliche Zentrum hat sich gewandelt. Der Markt- oder Kirchplatz als klassischer Ort der Öffentlichkeit ist längst zum Zentrum der Touristen und der Boutiquen-Ökonomie geworden.
Damit jedoch ist zweierlei geschehen: Einerseits hat städtische Öffentlichkeit ihre räumliche Zentralität verloren. Sie ist allerdings nicht einfach verschwunden, sondern hat sich in kleinere Öffentlichkeitsfigurationen der städtischen Bezirke, Kieze, Gruppen und Subkulturen transformiert. Auch ihre räumliche und soziale Gestalt hat sich also nachhaltig verändert: Plätze und Parks, Kulturtreffs und Jugendzentren, Musiklokale und Cafes erscheinen nun als selbstständige Kristallisationspunkte öffentlichen Lebens. Es gibt insofern also eher mehr Öffentlichkeitssegmente als früher.
Andererseits jedoch ist dieses Netzwerk von Öffentlichkeiten sehr viel heterogener, unauffälliger und vielleicht auch »unpolitischer« geworden. Denn diese zerklüftete Öffentlichkeitslandschaft bleibt vielfach ohne zentripetale Dynamik. Zwar strebt sie nach Homogenität und Konsens, freilich nur innerhalb von Gruppe und Kiez, weniger im lokalen Gesamthorizont. So verkörpert sie eher eine »Nischenkultur«, die vielfach unzugänglich, »halböffentlich« bleiben will.
Durch diese Entwicklung nun und längst in historischer Korrektur des Habermas´schen Modells hat sich die Wirkung von Öffentlichkeit vom Politischen ins Kulturelle verschoben. Und dies wäre meine zweite These: Öffentlichkeit dient als Raum wie als Praxis heute vorwiegend der kulturellen Repräsentation. Als ein städtisches Netz »sozialer Orte« bietet sie Foren kultureller Selbstdarstellung, die von den Parteien bis zu den Kirchen, von den sozialen Bewegungen bis zu den Ethnien, von den Zahnärzten bis zu den Schülern genutzt werden.
Dabei sind die Formen vielfältig, reichen vom unordentlichen Flanieren bis zur ordentlichen Demonstration. Sie sind auch durchaus auf symbolische Wirkung angelegt und entfalten dadurch dann wiederum politische Wirkungsmöglichkeiten – je nach Kontext, Zeitgeist und medialer Begleitung. »Kultur« meint hier also unter Umständen durchaus auch »Politik über die Bande«. Doch ist diese Öffentlichkeit eben nicht mehr als sozialer Dialog inszeniert, sondern eher monologisch als Bühne kultureller Repräsentation, von Gruppenidentitäten.
Damit – und drittens – wird eben auch die klassische Gegenüberstellung von »Öffentlich« und »Privat« weithin obsolet. Die Vorstellung einer allgemeinen und offiziellen Lebenswelt einerseits und einer abgesonderten und inoffiziellen andererseits macht künftig wenig Sinn angesichts der symbolischen Neukodierung des öffentlichen Raumes durch Kulturen und Lebensstile. Unter den Bedingungen kultureller Identitätsbildung und medialer Thematisierung sind bekanntlich nicht nur öffentliche Inszenierungen des Privaten mittlerweile inflationär. Vielmehr wird das einst »privat« Gedachte längst zum Bestandteil und Inhalt der öffentlichen Botschaft selbst. Und dies keineswegs nur bei Verona Feldbusch und Dieter Bohlen, die ihr mediales Ehebett auf dem Marktplatz aufschlagen. Vielmehr gilt das gerade auch im klassischen Kernbereich »öffentlicher« Politik. – Tony Blair inszeniert seine öffentliche Glaubwürdigkeit gegenwärtig mehr über seine politisch korrekt kinderreiche Familie als über politische Argumente. Und George W. Bush faltet seine Hände zum Gebet in Camp David nur dann, wenn die Abendsonne und die Scheinwerferlichter richtig stehen und sein Imageberater »OK!« gesagt hat. Kein »privates« Bild entsteht hier mehr zufällig, weil private »Authentizität« längst fehlendes politisches Charisma und fehlende öffentliche Legitimität ersetzen muss.
Deshalb auch die Formenvielfalt, in die sich solches »Öffentliche« inzwischen transformieren kann. Ob Kundgebung oder Fest, ob Straßenstand oder Lichterkette, ob Event oder Talkshow: Die Form ist vielfach bereits die Botschaft. Sie schmiegt sich an Trends und Konjunkturen einer Lebensstil- und Freizeitgesellschaft an, die zwangsläufig mehr ästhetisch als politisch mobilisierbar erscheint.
Dabei spielt gewiss eine zentrale Rolle, dass das Bedürfnis nach entsprechenden »Vergemeinschaftungserfahrungen« in der späten Moderne wächst. Unübersehbar die Sehnsucht nach erfahrbaren sozialen Horizonten und Idolen, nach lokal erreichbaren Vergemeinschaftungsangeboten, die das Versprechen der medialen Angebote und der Netzkommunikationen einzulösen scheinen: »Du bist nicht allein«, sang einst die Schmalz-Ikone Roy Black – und die heutige Werbung zeigt fast durchweg ähnliche »Wir-Bilder« – statt schmalz- eben gel-frisiert.
Daher wohl auch jenes Bedürfnis nach Massenhaftigkeit, nach Massenerlebnis, nach Mehrheitssicherheiten, wie sie vom Sport und der Pop-Kultur angeboten werden. In solchen Events freilich erfüllen sich diese Sehnsüchte letztlich doch nicht, weil sich da nur der Überschwang des Momentes einstellt, jedoch keine Nachhaltigkeit und Sicherheit – kein »Identisch-Sein« über den Abend hinaus.
So lautet meine vierte und letzte These: Öffentlichkeit meint heute das Bemühen und den Kampf um symbolische Räume – also um Räume, die mit besonderer Bedeutung ausgestattet sind, weil in ihnen soziale und kulturelle Ressourcen verteilt werden. Dabei geht es um Wahrnehmung und Anerkennung, um Legitimierung und Konkurrenz, um Status und Würde – also in der Tat um eine lokale »Politik der Identitäten«, gleichgültig ob im engeren Blick nun auf mediales Echo, soziale Aktion oder kommunalen Haushalt. – Wer Mitstreiter für Radwege sucht, Denkmalpflege oder Frieden fordert, oder wer ein Jugendzentrum will, muss dafür eine spezifische Öffentlichkeitskonfiguration errichten – räumlich wie symbolisch.
Damit repräsentiert diese »kulturelle« Öffentlichkeit keine »moralische Diskursethik« im Habermas´schen Sinne mehr, sondern nunmehr pragmatische Diskursstrategien, die sich »moralisch« zu gerieren versuchen – bestenfalls in Gestalt zivilgesellschaftlicher sozialer oder lokaler Bewegung, schlimmstenfalls im Stil von Bushs bigotter Weltmachtpolitik nach Art des Mittelwestens, die aber eben auch ihren konkreten »öffentlichen Ort« braucht, so hollywoodhaft der dann auch gestylt sein mag.
Deshalb wird dieser Kampf um symbolische Räume und kulturelle Repräsentationen auch so nachdrücklich als eine »Politik der Bilder« betrieben – in Washington wie in Cottbus. Im Kontext von Tourismus und Industrie, von Zuwanderungspolitik und regionalen Förderprogrammen operieren auch normale Klein- und Großstädte längst mit identitären Bildentwürfen: Sie bemühen sich um ein systematisches Identitätsmarketing, dass den Ort als »Corporate Identity« nach innen und als »Marke«, als »branding« nach außen präsentiert. Ohne spezifische Attribute wie »die« Lutherstadt, Stauferstadt, Dürerstadt, VW-Stadt, Hauptstadt, Weinstadt oder Bierstadt scheint lokale Identität mittlerweile defizitär. Oder positiv formuliert: mit der Erweiterung der medialen und sozialen Horizonte wächst das Bedürfnis nach einem Stück Unverwechselbarkeit, dem man selbst angehören kann, nach einer lokalen Identität, die Wir-Gefühle und Beständigkeit vermittelt und die der Gegenwart zwischen Vergangenheit und Zukunft ihren sinn-vollen Ort zuweist.
Solch eine »Öffentlichkeit der Repräsentationen« wird freilich auch in neuer Weise zu einem umstrittenen Raum. Denn ihre symbolischen Formen führen nun zwangsläufig zu Nutzungs- und Deutungskonflikten. Dabei erscheint der Raum nun selbst als wesentliche Ressource, der daher besetzt, benutzt und kontrolliert werden muss: mit juristischen wie symbolischen Mitteln, in architektonischen wie ästhetischen Formen, durch mediale wie politische Zugriffe.
Dadurch wirkt auch diese Öffentlichkeit zwangsläufig ambivalent: einerseits Vergemeinschaftungsformen suchend wie lokales Fest und Event; andererseits eine Bühne der Differenz verkörpernd, auf der sich Spezial- und Partikularinteressen konfrontieren. – Also kein klassisches »lokales Prinzip« mehr – aber auch nicht: kein Ort, nirgends – vielmehr: viele Orte, irgendwo in der Stadt; eher kulturelle »scapes« und »flows«.

IV.
So weit, so abstrakt. Ich wollte mit diesen vier Thesen jedoch keineswegs nur im Vagen bleiben. Deshalb nun der Versuch, an einigen Beispielen abschließend die angesprochenen Tendenzen zu verdeutlichen. Ich nehme dafür ganz alltägliche Ereignisse aus den letzten Wochen in Berlin.
Erstes Stichwort: Schülerdemonstrationen gegen den Irak-Krieg. 40.000 Schülerinnen und Schüler, die Frieden statt Krieg wollten, erregten nicht so sehr wegen dieser Absicht große Aufmerksamkeit, sondern aus zwei ganz anderen Gründen. Zum einen hatten die Medien diese Schülergeneration und den Öffentlichkeitstypus »Demonstration« kurz zuvor erst für unvereinbar erklärt: Demonstration, das sei die politische Sprache der 68er-Eltern, nicht die ihrer eher »unpolitischen« Kinder. Und zum anderen fragte man sich irritiert, wie es diesen Schülern gelungen war, ohne offizielle Hilfe der Schulen diese rasche und massenhafte Mobilisierung zu erreichen.
Beide Fragen lassen sich inzwischen beantworten. Zum einen kennt auch diese Schülergeneration bereits recht gut die »Ikonografie« sozialer Bewegung. Sie weiß, dass Friedensbewegungen in der Geschichte stets die Demonstrationsform nutzten, weil diese Öffentlichkeitsfigur ein symbolisches Kapital aller Protestbewegungen der europäischen Moderne bildet. – Dieses Wissen ist Teil unseres – und auch ihres – »kollektiven Gedächtnisses«. Zum andern bedient sich diese Schülergeneration dabei ganz einfach ihrer eigenen »privaten« Kommunikationsmedien zur politischen Mobilisierung: Die Demonstration wurde überwiegend über Internet und SMS organisiert. Das sind die mittlerweile gewohnten Sprachformen und Kommunikationsstile der Schüler, die durch ihre neue mediale Wirkungsweise in der Tat eben »öffentlich« werden. – Merke: Zwar lässt sich bekanntlich keine Demonstration im Internet veranstalten, aber eben durch das Internet! Und darin sind diese Schüler dann doch wieder die »Kinder ihrer Eltern«. Denn dass das Private öffentlich wirke und das Öffentliche ins Private, ahnten die bereits seit 1968.
Zweites Stichwort: Skate-Nights in Berlin. Tausende Inlineskater, die durch das nächtliche Berlin rollen und sich damit eine »mobile Bühne« schaffen, die sich zusammen mit ihnen über die Berliner Boulevards und Plätze bewegt und die einen bestimmten Lebensstil »öffentlich« präsentiert. Dies ist nun gewiss keine Öffentlichkeit des Habermas´schen Redens und Argumentierens, aber eine des symbolischen Handelns und der Körperpolitik. Eine Öffentlichkeit, die ein Stück der öffentlichen Identität der Metropole auch räumlich für sich reklamiert: Wir sind jenes neue und in Bewegung begriffene Berlin, das sich eigene Rituale und Mythen schafft!
Dabei stehen diese Skater nur stellvertretend für zahlreiche andere Bewegungsformen, die aus dem Bereich der Jugendkulturen und Freizeitkulturen stammen und sich immer nachdrücklicher öffentlich präsentieren und inszenieren. Auch dies sind Formen einer Identitätspolitik, die nach außen drängt, weil sie Anerkennung sucht. Denn nur der Status der »kulturellen Bewegung« schafft heute Legitimität und öffentliche Unterstützung.
Und wo dies nicht gelingt, bleibt den Jugendlichen oder den Subkulturellen oft nur der andere Weg in illegale Formen öffentlicher Praxis, die dann häufig an den Wänden und in den Räumen anderer sozialer Gruppen ausgetragen wird: in Gestalt von Graffiti und Party, von Provokation und notfalls Gewalt. Der Kreuzberger 1. Mai 2003 hat dies in drastischer Form gerade wieder vorgeführt.
Drittes Stichwort: Grill-Kolonien in Berliner Parks. Für den Kenner existiert längst eine eigene Topografie der Berliner Parks, deren Karte genau verzeichnet, wo welche ethnischen Gruppen und welche kulturellen Szenen zum Wochenende hin ihre Grillpartys feiern. Der Qualm ist dabei überall gleich, der Geruch differenziert die Camps dann schon etwas. Dabei gibt es nach Zahl und Feuerstellen natürlich eine deutliche türkische Übermacht, insbesondere in den Stadtteilen Neukölln und Kreuzberg. Aber die Grillszene ist in der Tat »multikulturell«, hat auch ihre festen afrikanischen, thailändischen, griechischen oder altdeutschen Kolonien, dazu bunt gemischte Fußballer- oder Trommlercompagnien, die eher körperlich-akustischweltanschaulich verbunden scheinen.
Auch dies sind Öffentlichkeiten, sehr effektive und kommunikative sogar, weil hier Gruppenidentitäten in geselliger Form alltäglich beziehungsweise sonntäglich ausgelebt werden können. Identitätsentwürfe, die an anderen sozialen Orten kaum möglich sind bzw. dort zu Konfrontationen und Differenzen führen können. Das ist in den Parks natürlich auch nicht ausgeschlossen: Im Viktoria-Park kam es so kürzlich zu einer Massenschlägerei unter 45 Erwachsenen, die sich allerdings sofort verbündeten, als die Polizei als gemeinsamer Gegner auf dem Kampffeld eintraf. – Ein nachdrücklicher Hinweis auf die eigene Regelhaftigkeit und Dynamik solcher »kulturell« definierter Öffentlichkeitsformen.
Viertes Stichwort schließlich: die »langen Nächte«… der Museen, der Kaufhäuser, der Wissenschaften. Dies ist natürlich ein Versuch, durch eine veränderte Präsentation von Wissens- und Warenangeboten neue Zugänge zu einem nicht zuletzt auch kaufkräftigen Publikum zu schaffen. Dabei kommen die neuen Marktstrategien der »Boulevardisierung« und der »Eventkultur« zum Einsatz. Und diese setzen darauf, spezifische Erlebnisqualitäten dadurch zu erreichen, dass sie gewohnte Angebote in neuen Raum- und Zeitkontexten präsentieren, sie also in einer gewissen Weise exotisieren.
Doch lässt sich dieser Effekt nur erreichen, wenn dafür auch soziale und kulturelle Bedürfnisse über den reinen »Einkauf« hinaus bereits vorhanden sind. Und dies scheint hier durchaus der Fall im Sinne eines Bedürfnisses nach öffentlichen Räumen und Begegnungen, die sich gerade auch gegen überkommene Vorstellungen von »Privatheit« neu entfalten. Also etwa gegen zeitlich wie räumlich bisher vielfach tabuierte Reservate des Ladenschlusses, des Familienabends oder der »privaten« Nachtruhe. Deshalb lässt sich hier durchaus mit der Kategorie Öffentlichkeit operieren, auch wenn diese Öffentlichkeit buchstäblich konsumierbar erscheint.

V.
So weit nur einige wenige Beispiele, bewusst sehr alltagsnah ausgewählt, um damit eben auch die Alltäglichkeit solcher neuen Öffentlichkeitsformen zu unterstreichen. Daneben existieren ja viele alte verändert oder unverändert weiter: politische Kundgebungen und lokale Feiern, Bürgerversammlungen und öffentliche Konzerte, Stadtteilfeste und Podiumsdiskussionen.
Was lässt sich daraus nun aber für eine Perspektive der Öffentlichkeit unserer Städte ablesen?
Zunächst eben keineswegs, wie befürchtet, ein »Ende der Öffentlichkeit«. In Zahl und Form ist hier in den letzten 20 Jahren viel eher ein Anstieg zu verzeichnen. Freilich nur, wenn man den Öffentlichkeitsbegriff neu, prozesshaft und offener fasst. Dies meint ungekehrt keine Beliebigkeit, die nun kurzerhand alles zum »Öffentlichen« erklärt. Vielmehr zeigen sich jeweils spezifische Bedürfnisse und Vorstellungen, die sich wohl in Variationen einer Grundidee der »sozialen Repräsentation« zusammenfassen lassen. Darin sind Vorstellungen von »Wir«, von Gemeinschaft, z. T. auch noch von lokaler Gesellschaft enthalten, die dem öffentlichen Raum beides zuschreiben: integrative wie desintegrative Funktionen. – Das alte Marktplatz-Modell jedenfalls kommt nicht wieder!
Zum zweiten verkörpern diese Öffentlichkeitsformen eine deutliche Bühnenfunktion. Es geht dabei um die Inszenierung von Identitätsvorstellungen, die sich auf kulturelle Vorstellungen beziehen: ethnischer oder historischer Art, lebensstilhaften oder mentalitären Zuschnitts, generationsbezogen oder werteorientiert. Ein Bild von sich zu entwerfen, das Wiedererkennungseffekte verspricht: das scheint das vorrangige Ziel einer Identitätsarbeit, die auch den Alltag der Städte selber prägt. Der Kampf um die Bürger wie um die Touristen oder die Wirtschaftsansiedler zwingt zu solchen Bildern – und die Wirklichkeit passt sich ihnen allmählich und unmerklich an. Aus dem Imago wird Imagination: eine projektive Vorstellung vom lokalen So-Sein!
Zum dritten erweist sich der öffentlichen Raum dabei als sozial wie kulturell heterogen und als räumlich fragmentiert. Diese Dezentralität ist die Kehrseite seiner neuen Vielfalt: Öffentlichkeit kommt heute eher netzwerkartig und landschaftsförmig daher. Was dies für die soziale Integration bedeutet, wird erst noch zu untersuchen sein. Politisch entstehen dadurch zunächst wohl Wirkungsverluste und Nischenkulturen – also stadtpolitisch wie städtebaulich keine einfachen Entscheidungslagen.
Zum vierten und umgekehrt bestätigt sich darin, dass sich öffentlicher Raum tatsächlich weder beliebig konstruieren noch beliebig kontrollieren lässt. Der Berliner Fall etwa zeigt, dass der Potsdamer Platz bislang ebenso wenig wie der vor dem Reichstag ein wirklich öffentlicher Raum ist, weil die kombinierte Wirkung von Kommerz und Festungsarchitektur, von privaten Wachdiensten und Videoüberwachung verhindert, dass tatsächlich vielfältige Nutzungen und nachhaltige Zuschreibungen entstehen – jedenfalls bis jetzt. Vielleicht verändern die Fußballer vor dem Reichstag da etwas. Öffentlichkeit als »Piazza« nach Bauplan, als Gebrauchsanleitung und gepflasterte Monokultur funktioniert eben nicht.
Zum fünften erweisen sich diese Öffentlichkeiten als intensive kulturelle Begegnungszonen, in denen symbolische Praxen und Aushandlungsprozesse stattfinden. Die eigene Handschrift, die eigene Sprache, der eigene Stil: Darin erkennt sich kulturelle Identität offenbar wieder – am deutlichsten in den vielfältigen Formen der Jugend- und Migrantenkulturen. Sitzen und Gehen, Flanieren und Treffen, Essen und Kaufen, Flirten und Demonstrieren muss möglich seien – möglichst gleichzeitig –, sonst entsteht kein »öffentlicher Ort«, nur »deutsche Fußgängerzone«!
Und das ist wohl die wichtigste Funktion von Öffentlichkeit: in wachsenden wie schrumpfenden Städten, die in sich immer heterogener werden, eine soziale Gettoisierung und Privatisierung hinter den kulturellen Mauern von Generation, Ethnie, Religion oder Lebensstil zu verhindern. Städte brauchen Öffentlichkeit, um sich identifizieren und repräsentieren zu können. Sie brauchen Selbst- und Fremdbilder, die es attraktiv erscheinen lassen, in ihnen zu leben.
Und dafür wiederum brauchen wir öffentlichen Raum in offener Gesellschaft. Dann freilich dürfen Politik und Polizei, Architekten und Stadtplaner, Medien und Investoren, aber auch die Einwohner selbst Wunsch nicht mit Wirklichkeit verwechseln: Öffentlichkeitm lebt immer auch als Alltägliches, Ungebärdiges, Chaotisches. – Piazza meint eben nicht Pizza: kreisrund, fester Rand, eine Geschmacksrichtung – und in der Mitte nur Käse.1

 

  1. Der Text wurde in folgender Zeitschrift erstveröffentlicht: Der öffentliche Raum in Zeiten der Schrumpfung, 8. Jg., Heft 1 (September 2003), Wolkenkuckucksheim, http://www.tu-cottbus.de/theoriederarchitektur/Wolke/deu/Themen/031/Kaschuba/kaschuba.htm
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Über Wolfgang Kaschuba

Prof. Dr. Wolfgang Kaschuba ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität zu Berlin. Seine Forschungsschwerpunkte sind Alltag und Kultur in der europäischen Moderne, nationale und ethnische Identitäten, Wissens- und Wissenschaftsgeschichte und Stadt- und Metropolenforschung.

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