Welche Kunst in welchem öffentlichen Raum? Der Text zum Workshop

Konjunktur und Krise?, No 2

Das Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin bietet einen Weiterbildungsstudiengang an für Berufsfelder, die auf Kunst und Gestaltung bezogen sind. Einer der Schwerpunkte dieses Masterstudiengangs liegt auf der Kunst im öffentlichen Raum. Im vergangenen Wintersemester wurden am Institut dazu eine Reihe von Lehrveranstaltungen angeboten, die in einen Workshop mit dem Titel »Wo steht die Kunst im öffentlichen Raum« mündeten. Ziel der Veranstaltung war eine Standortbestimmung in diesem weiten Feld, das sich an der Schwelle zu einer zunehmenden Akademisierung befindet. Zahlreiche Neugründungen von Studienzweigen waren Anlass diesen Schwerpunkt auf den Prüfstand zu stellen. Der kontextbezogenen Geschichte des Instituts entsprechend standen neben einer historischen Perspektive Fragen nach Auftrag, Wettbewerb und Partizipation im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung.1

Die Publizistin Stefanie Endlich, die am Institut lehrt, eröffnete die Veranstaltung mit einer Innenansicht ihrer Erfahrungen mit der Berliner Situation im Bereich Memorialkultur, Denkmalskunst, Erinnerungsarchitektur sowie Gedenkstätten- und Ausstellungsgestaltung. Sie gab auch einen Überblick über die aktuelle Entwicklung bei öffentlich finanzierten Bauvorhaben sowie künstlerischen Gestaltungen von Plätzen, Grün- und Freianlagen und Wohnquartieren. In beiden Feldern hat sie, weit über Berlin hinaus, an zahlreichen Projekten als Gutachterin oder Jurymitglied teilgenommen. Stefanie Endlich war im Laufe der Veranstaltung dann mehrfach Adressatin von Fragen zur Entscheidungsfindung in derartigen Gremien. Sie kritisierte in ihrem Vortrag eine Tendenz zur abwerten Kritik an Auftragskunst, die diese als »dekorative Gestaltung« abtut und wies derartige Argumente als hartnäckiges Vorurteil zurück, das einer genaueren Betrachtung nicht standhält.
Die Kunsthistorikerin Valérie Bussmann richtete anschließend den Blick von Berlin nach Paris und von einer typisch föderalen deutschen Förderkultur auf ein Prestigeprojekt das eine Klischeevorstellung eines zentralistischen französischen Kulturverständnisses zu bestätigen schien. Ihr Vortrag mit dem Titel »Zur Wiederbelebung des staatlichen Kunstauftrags in Frankreich während der 1980er Jahre: Les deux plateaux von Daniel Buren im Ehrenhof des Pariser Palais-Royal« basiert auf einem langjährigen Forschungsprojekt. Trotz des raumgreifenden Großprojekts, das auf die Initiative von Präsident Francois Mitterand zurück ging, gelang es Daniel Buren hier – so argumentiert Valérie Bussmann – eine Arbeit zu installieren, die sich der Gefahr eines repräsentativen Staatsgestus entzieht. Die Frage inwieweit dies tatsächlich gelungen ist, wurde im Rahmen der Veranstaltung kontrovers diskutiert.

In der Folge schlug Ira Mazzoni einen historischen Bogen von den Anfängen der Kunst in städtischen Räumen, wie der Gestaltung öffentlich zugänglicher Wasserquellen, bis zu ihren gegenwärtigen Auswüchsen, die Sie bereits im Titel ihres Vortrags ansprach: »Denkraum – Lustraum – Frustraum / Über die Instrumentalisierung  und Möblierung von Freiräumen der Stadt«. Mit ihrer Vorstellung der jüngsten Offensive öffentlich installierter Kunst durch die Stadt München verband Mazzoni eine Kritik der Annahme, dass derartige Projekte als grundsätzlich sinnvoll angesehen werden. Als besonders misslungene Arbeit erschien Ihr die Skulptur »Mae West« (2011), der Künstlerin Rita McBride am Effner Platz in München mit 52 Metern Höhe und einem Auftragvolumen von 1,3 Millionen Euro. Mazzoni argumentierte, dass die Skulptur in keiner Weise auf die komplexe Verkehrssituation auf diesem Platz eingeht.

Der Künstler und Architekturtheoretiker Michael Zinganel entwickelte in seinem Vortrag eine unerwartete Konstellation, indem er die Kunst im öffentlichen Raum mit einer persönlichen Erfahrungsgeschichte des Massen-Tourismus in Zusammenhang brachte. Eine Zusammenfassung seiner jahrelangen Forschungen zu diesem Thema veranschaulichte er anhand einer großen Zeichnung, in der er ausgehend von seiner privaten Tourismusgeschichte einen kritischen Bogen zum Nutzungszusammenhang der aktuellen Reisetätigkeit vieler Künstlern seiner Generation und pauschaltouristischen Entwicklungen schlug.

Die Künstlerin Seraphina Lenz stellte die Arbeit ihrer Studierenden am Institut in den Vordergrund, die mittels einer begrifflichen und visuellen, alphabetischen Sammlung zentrale Thematiken der KiöR mit Ergebnissen ihrer Feldforschungen in Berlin konfrontierten. Sie führte damit in das zweite Panel ein, das die Frage nach gegenwärtigen Praktiken aus der Künstlerperspektive stellte. Andrea Knobloch (Künstlerin, Kuratorin) und Ute Vorkoeper (Kuratorin, Autorin) wählten wie vorher Lenz eine Vortragsperformance als Stilmittel ihrer Präsentation. In dieser kombinierten sie analytische Textbausteine, Kommentare und eine Kulisse aus Störgeräuschen zu einer Montage, welche die konkurrierenden Aufmerksamkeitsaspekte städtischer Zusammenhänge reflektierte. Ihr Ansatz, Stadt analytisch und atmosphärisch in Kombination zu thematisieren, beruht auf ihrer jahrelangen gemeinsamen Arbeit an ihrem Projekt »Akademie einer anderen Stadt«.

Die Kuratorin und Autorin Katja Jedermann, die bis zum letzten Jahr den Schwerpunkt KiöR am Institut in der Lehre vertreten hat, berichtete aus kuratorischer Perspektive von den Irrwegen eines aktuellen Projekts: »Spuren, Hohlräume, Leerstellen – Jüdisches Leben am Kurfürstendamm«. Sie hob dabei die Probleme hervor, die enstehen, wenn sich das Stadtmarketing eines zeitgeschichtlichen Projekts bemächtigt und eine Bildsprache entwickeln lässt, die dem Inhalt entgegen läuft.

Den zweiten Tag führte eine Exkursion ein, die der Künstler und Kurator Markus Ambach mit Studierenden seines Seminars vom Wittenbergplatz aus bis zum Potsdamer Platz organisierte. Die Orte der Route brachten sehr unterschiedliche Projekte zusammen: von einem privat installierten Mahnmal für Aidsopfer an der Urania über eine skurril gestaltete Hotelfassade, Ergebnissen eines Bildhauersymposiums bis zum Ehrenmal für die Gefallen Soldaten der Bundesrepublik Deutschland. Hier wurde der Blick geschärft für die extreme Determiniertheit urbaner Zusammenhänge, die durch entsprechende Information entschlüsselt ein reiches Feld der Forschung offenbart. Dies gilt besonders für das Neben- und Gegeneinander von gestalteten Orten und Objekten, die ein extremes Gefälle an gedanklichem- und inhaltlichem Aufwand und Qualität aufweisen.
Der Kurator Markus Müller berichtete anschließend anhand des Referenzprojekts »Skulptur Projekte« in Münster über die Veränderungen, denen Projekte im Laufe der Jahre unterworfen sein können, nachdem die Phase der ersten Aufmerksamkeit abgeklungen ist. Am Beispiel der Arbeit »Pier« von Jorge Pardo, einem Holzsteg mit Hütte am Aasee in Münster, der nach der Durchsetzung einer städtischen Verordnung nun nicht mehr den ursprünglich dort platzierten Zigarettenautomaten beherbergt, fragte Müller, ob der Kern einer Arbeit bei derartigen Eingriffen nicht verloren geht.
Michael Fehr, Kunsthistoriker, Kurator und Direktor des Instituts für Kunst im Kontext, stellte ein aktuelles Projekt aus dem Irak vor, das er seit Jahren kuratorisch betreut. Es handelt sich um eine Gedenkstätte für die Opfer der Anfall-Operation, der tausende Kurden im Norden des Landes zum Opfer fielen. In einem langjährigen Prozess wurde mit den Angehörigen der Opfer gemeinsam ein Ort entwickelt, der sowohl Andachtsraum ist, als auch über ein gemeinsames Fotoprojekt mit den Angehörigen eine visuelle Brücke zu den Opfern schlägt. Dieses Beispiel steht für eine Tendenz in der Erinnerungskultur der letzten beiden Jahrzehnte, von großen Gesten abzusehen, und stattdessen die Angehörigen der Opfer einzubeziehen und diese als Individuen zu repräsentieren.
Die Kuratorin Rebekka Uhlig berichtete in ihrem Vortrag von Projekten, die sich gezielt auf den ländlichen öffentlichen Raum konzentrierten und warb für eine Erweiterung des Blicks vom städtischen Raum auf diese Zone. Dabei wurde vom Publikum kritisch diskutiert, inwiefern diese Projekte eine Erweiterung der Fragestellungen in städtischen Kontexten bedeuten. Es wurde festgehalten, dass die vorgestellten Projekte aus dem deutschen ländlichen Kontext mit den bekannten städtischen Konzepten vergleichbar waren und keine neuen inhaltlich-formalen Fragestellungen aufwerfen (Im Vergleich z.B. zu historischen Land-Art Projekten aus den USA). Die Künstlerin und Kuratorin Bettina Allamoda stellte zum Schluss Ergebnisse ihrer Arbeit mit Studierenden wie »model map, extended stay« und »Platz in Berlin« vor, in der sie gemeinsam mit diesen über Recherchen und beispielhafte Auseinandersetzungen mit spezifischen sozial-architektonischen Situationen künstlerische Interventionen entwickelt hatte.

Zusammen fassend ist festzustellen, dass sich in den Beiträgen die zunehmende Ausdifferenzierung des Feldes der Kunst im öffentlichen Raum ausdrückte. Die adressierten Themen gehörten sowohl zu künstlerischen als auch zu kuratorischen Feldern, zur Kunstgeschichte, Journalistik, Vermittlungsarbeit und zur Kulturpolitik. Das Spannungsfeld zwischen Auftrag und Selbstbeauftragung wurde ebenso befragt, wie die sowohl auf dem Podium wie im Publikum disparaten Vorstellungen von gegenwärtiger Öffentlichkeit. Dass heute neben die physische Öffentlichkeit der Stadt selbstverständlich die mediale Öffentlichkeit des Internets gestellt wird, zeigt die Entfernung von einer historischen Public Art z.B. der 1970er Jahre. Allein die aktuelle Diskussion um den Begriff der Öffentlichkeit, die sich auch hier spiegelte, würde eine eigene Veranstaltung rechtfertigen. Ehemals positiv konnotierte Kernbegriffe (auch auf die eigene Geschichte des Instituts bezogene) wie z.B. Partizipation wurden in der Diskussion hinterfragt. Ein Fazit, das nicht verwundern kann, ist: Das Versprechen eines Gegenmodells zu einer überwiegend auf Markt und Institutionen bezogenen Kunst hat sich in eine Vielzahl an Praktiken verzweigt. Es unterscheidet sich im Kern von den beiden oben genannten Feldern durch die Möglichkeit ein breites, nicht kunstspezifisches Publikum mit Kunst zu konfrontieren. Dabei wirken Begehrlichkeiten des Stadtmarketings heute sowohl auf den öffentlichen Raum als auch auf Institutionen wie Museen, die sich der Gängelung von Akteuren aus Politik und Verwaltung ausgesetzt sehen; deren fragwürdigstes Bewertungsinstrument sind heute die meist undifferenziert interpretierten Besucherstatistiken. Für beide Terrains gilt, dass Kunstakteure Öffentlichkeit nicht als gegeben annehmen können. Als ein übergeordnetes Kennzeichen gelungener Projekte konnte man sich im Rahmen des Workshops darauf einigen, dass deren wesentliche Qualität darin besteht Öffentlichkeit zu thematisieren und zum Teil erst sichtbar, bzw. erfahrbar zu machen.

  1. Im Februar 2013 fand ein zweitägiger Workshop zum Thema: Wo steht die Kunst im öffentlichen Raum? am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin statt
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Über Martin Schmidl

1962; ist Künstler und Kunstwissenschaftler, er lebt und arbeitet in Aachen und Berlin; Promotion am Institut für Kunst- und Kulturwissenschaft der Akademie der bildenden Künste Wien, Kunststudium an der Städelschule in Frankfurt am Main und Akademie der Bildenden Künste Karlsruhe, Grafik-Design Studium an der FH München. Er arbeitet in den Bereichen Zeichnung, konzeptuelle Kunst und Kunstwissenschaft. Martin Schmidl forscht zur Entwicklung von Ausstellungs-konzepten der Moderne und der Avantgarde. Er unterrichtet am Institut für Kunst im Kontext an der Universität der Künste Berlin. Weitere Lehre an verschiedenen Kunsthochschulen, u.a.:, Academie Beeldende Kunsten Maastricht, Akademie der Bildenden Künste Dresden, Akademie der Bildenden Künste Münster, Akademie der Bildenden Künste München, School of Art Newcastle, Merz Akademie Stuttgart und Internationale Sommer Akademie für Bildende Kunst Salzburg. Martin Schmidl ist Mitgründer und Mitherausgeber des Magazins finger (1998–2001) und der gleichnamigen Künstlergruppe in Frankfurt am Main. Dort kuratierte er auch den ausstellungsraum, einen Projektraum für Kunst (mit Florian Haas, 1992–1998). In den Jahren 2005–2007 war Martin Schmidl verantwortlich für das gesamte visuelle Erscheinungsbild der internationalen Ausstellung skulptur projekte münster 07 (Kataloge, Website, Drucksachen, etc.).

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