Prolegomena zu einer Stadtmetaphorologie

Geschichten, Bilder und Metaphern der Stadt – Bedeutungsüberschuss als schöpferisches Potential, No 6.

Den Versuch einer Metaphorologie, also einer Systematik der Metapher(n) haben bisher nur Wenige gewagt: So der Philosoph Hans Blumenberg mit seiner 1960 erschienen Studie Paradigmen zu einer Metaphorologie; oder in anderer Form der Philosoph Ralf Konersmann mit seinem systematischen Wörterbuch der philosophischen Metaphern, das 2007 erschienen ist. Diese Arbeiten bleiben aber Ausnahmen, was für ein so fundamentales Instrument unserer Sprache und unserer – verbalen wie visuellen – Kommunikation doch überrascht. Metaphern stellen jenseits ihrer auffälligen Präsenz und Verbreitung ein wahres Rätsel dar: sie sind vage, unbeständig, kaum zu erklären, wenn nicht über weitere Metaphern, was ein Prozess des skiddings – des Rutschens – provoziert, wie das der französische Philosoph Jacques Derrida in einer Studie zur Metapher festgehalten hat. Versucht man Metaphern zu erfassen, so verliert man den festen Boden unter den Füssen und rutscht von einem unfruchtbaren Versuch zum anderen. Man kann eine Metapher zwar umschreiben aber kaum präzise erfassen.

Die Metapher ist im Prinzip ein literarisches »Transportmittel« – Derrida verweist im selben Aufsatz darauf, dass öffentliche Verkehrsmittel in Griechenland »Metaphern« heissen –, dass sie zwei Pole verbinden (Bildspender und Bildempfänger), die eigentlich nicht zusammengehören. Durch diesen Transport werden Eigenschaften des einen auf den anderen übertragen. »Richard ist ein Löwe« ist ein klassisches Beispiel aus den Metaphernstudien, das besagt, dass Richard Eigenschaften eines Löwen hat – er ist mutig und stark – Richard ist aber nicht wörtlich ein Löwe, nur figürlich. Man macht sich dabei ein Bild von etwas, was eigentlich gar nicht vorstellbar ist, wenn nicht als Chimäre: halb Mensch als Löwe.

Solche Metaphern begegnen uns alltäglich, im Gespräch, in den Medien und in der Literatur, meistens sind wir uns dessen auch gar nicht bewusst. Viele Metaphern sind »tote Metaphern« wie sie der französische Philosoph Paul Ricoeur beschrieben hat. Es handelt sich um Metaphern, die einst neu waren, nun aber mittlerweile so geläufig im Sprachgebrauch sind, dass wir uns dessen gar nicht mehr bewusst sind, geschweige dass wir diese als Metaphern erkennen.
Dabei spielen Metaphern in den kognitiven Prozessen und in der Strukturierung unseres Sprechens und Denkens eine so fundamentale Rolle, dass sich die Wissenschaftstheorie seit 50 Jahren damit auseinandersetzt. Es geht vor allem um die Frage inwiefern wir metaphorisch denken – d.h. wie unsere Gedanken durch Metaphern organisiert werden – und inwiefern Metaphern gebraucht werden um neuen Ideen zu gewinnen, indem sie unerwartetes Denken und das Entwickeln von neuen Modellen ermöglichen, das kreative Denken also fördern. Die Metapher schafft dabei ein Modell im Sinne einer Möglichkeit, die dann zu überprüfen ist. In der Literatur verbinden Metaphern verschiedene Sinnes-, in der Wissenschaft verschiedene Bedeutungsebenen.
Dennoch: wie Metaphern genau funktionieren bleibt bis heute unklar. Es bestehen unzählige verschiedene Theorien mit zum Teil divergierenden Thesen. Fest steht, dass Metaphern kontextabhängig sind und dementsprechend in ihrer Wirkungsweise und Wirkung auch unterschiedlich zu bewerten sind. Ein solcher Kontext ist zum Beispiel die Stadt.

Stadtmetaphern
Was verbindet aber Metaphern und die Stadt? Ist die Rede von einer Stadt, ihrer Stadtteile, ihres Stadtbildes, ihrer Architektur und Infrastruktur, dann tauchen Metaphern unumgänglich auf, nicht nur in Texten von Architekten oder Stadtplanern, sondern auch gerade auch in der Literatur und in den Medien. Überall finden sich unzählige Metaphern, wenn es darum geht, die Stadt zu beschreiben. Metaphern dienen hier vor allem dazu sich ein Bild davon zu machen, was man eben sonst nicht in knappen Sätzen oder einzelnen Bilder erfassen kann. Die Stadt ist zu komplex, zu vielfältig, zu dynamisch und auch stetig in Veränderung, um auf einen Nenner gebracht zu werden. Metaphern helfen hier ein Bild zu schaffen, in dem die Stadt mit etwas Anderem verglichen wird, was einerseits die Komplexität unserer eigenen Wahrnehmung reduziert, andererseits kommunizierbare Bilder produziert, die wir mit anderen Menschen austauschen können. Oft wird dabei auf etwas genau so Komplexes verwiesen wie der Körper, dessen funktionieren wir aber besser verstehen können. Gerade grosse Veränderungen sowohl im materiellen wie im auch im sozialen Gefüge der Stadt rufen nach Metaphern die helfen können, diese zu verstehen und auch zu akzeptieren. Dabei haben Metaphern natürlich eine starke poetische Seite, die gerade Unschönes oder Mehrdeutiges in etwas anderes, eher Ertragbares umwandelt. Der französische Dichter Charles Baudelaire beklagt sich in einem Gedicht, dass sich die Stadt schneller als das Herz eines Sterblichen verändern würde. Eine Metapher die uns vor Augen führt und verstehen lässt, wie schnell sich diese Prozesse in den Augen von Baudelaire vollziehen.
Metaphern verschaffen uns also ein besseres Verständnis der Stadt und ihrer Natur, indem wir sie mit Bekanntem vergleichen können. Als 1997 das neue Guggenheim-Museum in Bilbao von Frank Gehry fertiggestellt wurde, regnete es in der Presse förmlich Metaphern, die dazu dienten, die ungewohnte Form mit etwas Vertautem zu vergleichen – in diesem Fall meistens mit einem Schiff, einem Kleid oder einer Skulptur.
Die Stadt in all ihrer Komplexität ist dazu prädestiniert, Metaphern zu provozieren, wobei die Vorstellung, sie sei unbeschreibbar, nicht neu ist: die Stadt bedeutete schon immer eine Herausforderung für ihre Einwohner. Eines der schönsten Beispiele diesbezüglich bietet die Literatur über das Paris des 18. und 19. Jahrhunderts. Sie hat zum diesem Zweck unzählige Metaphern erfunden, selbst um die Schwierigkeit der Beschreibbarkeit selber zu umschrieben: Karlheinz Stierle zitiert in diesem Sinne Honoré de Balzac, der die Stadt Paris mit einem Ozean vergleicht, dessen Boden unergründlich bleibt.

Die Ideologie der Metapher
Finden sich die Metaphern im Gedicht oder in der Erzählung, so gehören sie zwar auch zum Allgemeingut und zu den Bildern, die man sich von einer Stadt macht, sie bleiben aber meistens relativ harmlos. Problematisch werden Metaphern dann, wenn sie nicht nur beschreiben, sondern einen operativen Hintergrund haben, d.h. dass sie nicht nur einen Bestand zeigen, sondern gleichzeitig auch eine Vorstellung davon transportieren, wie man mit der Stadt umgehen soll, wie man sie verändern will. Hier haben die Metaphern eine normative Funktion, sie legitimieren mitunter sogar problematische Interventionen. Die berühmteste und wohl häufigste Metapher in diesem Sinne ist jene der »Stadt als Körper«. Hier wird die Stadt mit verschiedenen Aspekten des menschlichen Körpers verglichen, mit dem Skelett, was die Struktur der Stadt angeht, mit den Blutgefässen, was das Zirkulieren von Menschen und Wahren angeht. Vor allem aber wird die Gesundheit der Stadt zum Thema: so wie man einen kranken Menschen heilen kann, so kann man auch die »kranke Stadt« heilen. Das geht nicht zuletzt auf die Auseinandersetzung des Arztes Hippokrates mit der Gesundheit der Stadt zurück: bei ihm ist die Parallele zwischen dem gesunden Körpers (als Gleichgewicht der Körpersäfte) und der gesunden Stadt einfach zu vollziehen. Diese Vorstellung wurde in den Städtebautraktaten der Renaissance übernommen und weitergeführt.
Die Metapher der »kranken Stadt«, die zu »heilen« ist, hatte um die Mitte des 19. Jahrhunderts Hochkonjunktur, als mit der Industrialisierung und der Landflucht, die Städte einen enormen Zustrom an Menschen verkraften mussten. Die dadurch bedingten katastrophal ungesunden Zustände verlangten nach Lösungen zur Verbesserung der hygienischen Bedingungen. Dass die meisten hier involvierten Politiker, Ärzte und Architekten durchaus mit sozialen und moralischen Motivationen aktiv wurden, steht ausser. Dennoch kann nicht darüber hinweg gesehen werden, dass viele erst agierten, als die unhaltbaren Zustände auch die Reichen in ihren Villenvierteln bedrohten – wie das Friedrich Engels bereits früh bemerkt hat. Oft war dann jedoch die Folge, dass sich frühe Formen der gentrification entwickelten, bei denen die Armen an die Peripherie der Städte gedrängt wurden und dort in ähnlich ungesunden, meist informellen Siedlungen hausen mussten. Die Probleme wurden damit nicht gelöst sondern nur verschoben.

Vergleichbares lässt sich auch heute noch in vielen Slum-clearance Programmen erkennen, bei denen zur Legitimation der Intervention ebenfalls oft auf die Metapher der »kranken Stadt« zurückgegriffen wird. Die Gefahr in solchen Anwendungen von Metaphern besteht einerseits darin, dass zu vorschnell und unkritisch deren ideologischen Konnotationen übernommen werden: So liebte zum Beispiel Le Corbusier – der wichtigste (und wohl auch meist kritisierte) Architekt der Moderne – die Verwendung von solchen Metaphern, weil sie seinen Vorstellungen entsprachen: auf der Grundlage einer tabula rasa der bestehenden Stadt wollte er seine gesunden Stadtmodelle verwirklichen. Seine extensive theoretische Auseinandersetzung mit dem Thema ist voller Analogien zum menschlichen Körper – eine Strategie, die nicht zuletzt die Ideologien der Moderne und ihre radikale Neuheit legitimieren sollte. Andererseits besteht aber immer auch die Gefahr, dass Metaphern wörtlich (und nicht figürlich) verwendet werden – und so zum Beispiel Städte in Form von Palmen, Blumen oder anderen ausgefallenen Formen gebaut werden…

Prolegomena zu einer Stadtmetaphorologie
Ich habe mich bereits bei verschiedenen Gelegenheiten mit der speziellen Natur der Metaphern auseinandergesetzt – und bin dabei nicht der Einzige (siehe die Arbeit von Sonja Hnilica). Trotzdem würde man bei der Bedeutung und Komplexität der Phänomene mehr Auseinandersetzungen erwarten. Wir sind aber noch weit entfernt von einer Stadtmetaphorologie, die den spezifischen Kontext der Stadt durchleuchtet und eine Übersicht über die verschiedenen Formen von Metaphern liefern würde.
Der englische Architekturhistoriker Peter Collins hat 1965 als einer der Ersten eine systematischen Untersuchung unternommen. In seinem Buch Changing Ideals in Modern Architecture 1750-1950 beschränkte er sich dabei zwar auf die Architektur und auf bestimmte Epochen. Dennoch kann seine interessante Arbeit als Grundlage für eine ähnliche Arbeit über die Metaphern der Stadt dienen. Bemerkenswert ist, dass Collins in seiner Arbeit von Analogien spricht – biologische, mechanische, gastronomische und linguistische – und nicht von Metaphern. Damit impliziert er, dass es sich bei der Wirkweise von Metaphern seiner Meinung nach nur um einen Vergleich und nicht um einen Transfer handelt.

In meiner jetzigen Arbeit über die Entstehung der Disziplin Städtebau, befasse ich mich zwar nicht primär mit Metaphern. Dennoch habe ich (aus Gewohnheit oder Reflex) alle Metaphern gesammelt, denen ich in den verschiedensten Quellen begegnet bin. Es handelt sich dabei in erster Linie um französische, deutsche und englische Texte aus dem Architekturdiskurs zwischen 1880 und 1945. Es lassen sich geordnet nach der Häufigkeit ihres Auftretens folgende Typologien aufzählen (wobei oft im selben Text die Stadt mit mehreren Metaphern gleichzeitig beschrieben wird):

»Stadt als Körper/Organismus« 88
Und davon spezifisch »Stadt als kranker Körper«  12
»Stadt als Kunstwerk« 44
»Charakter der Stadt« 26
»Stadt als grosse Architektur« 23
»Stadt als Symphonie« 18
»Stadt als Haushalt« 8
»Stadt als Kleid« 6
»Stadt als Bienenstock/Ameisengesellschaft« 3
»Stadt als Maschine« 3
»Stadt als Pflanze« 3
»Stadt als Geschichte in Stein« 3
»Stadt als Fabrik« 2
»Stadt als Ornament« 1
»Stadt als Person« 1
»Stadt als Pilz« 1
»Stadt als Nebel« 1
»Stadt als Fischsalat« 1
»Stadt/Städtebau als Sprache« 1
»Stadt als ‚Krabbeln’« 1
»Stadt als Festung« 1
»Stadt als Hülle« 1
»Vergewaltigung der Stadt« 1
»Stadt als fremde Sprache« 1
»Stadt als Fluss« 1
»Stadt als Süssigkeit« 1
»Stadt als Märchen« 1
»Stadt als Kristall« 1
»Gesicht der Stadt« 1
»Stadt als Kristall« 1
»Stadt als Kristall« 1

Diese Metaphern (auf die man jeweils im Einzelnen detailliert eingehen müsste) erzählen uns sehr viel über die Zeit, in der sie verwendet wurden, über die Art wie Stadt damals wahrgenommen wurde und wie man mit ihr umgehen wollte. Metaphern gehören damit zu den besten Indikatoren der Ideologien der Zeit.

Sucht man zu einem späteren Zeitpunkt nach den wichtigsten Stadtmetaphern, dann finden sich viele der oben genannten immer noch, es sind jedoch (bedingt durch die zeitgenössischen Ideologien) viele neue hinzu gekommen – heute zum Beispiel die verschiedenen Vorstellungen der »Stadt als Netzwerk«, der »Stadt als System«, der »Stadt als Programm« usw.

Die Untersuchung und Besprechung von Metaphern (gerade im Kontext der Stadt) ist trotz – oder vielleicht gerade wegen – ihrer unfassbaren Natur ein wichtiges und spannendes Unterfangen, das viel über die jeweilige Gesellschaft und ihre Verhältnis zur gebauten Umwelt verraten kann. Eine Stadtmetaphorologie würde an dieser Stelle ansetzen müssen, könnte nur aber durch ein interdisziplinäres Kollektiv geleistet werden – so wie die Stadt selber nicht durch eine Disziplin allein erklärt und verändert werden kann.

Literatur:
– Blumenberg, Hans, Paradigmen zu einer Metaphorologie, 1960
– Blumenberg, Die Lesbarkeit der Welt, 1979
– Blumenberg, Hans, Theorie der Unbegrifflichkeit. Aus dem Nachlass, herausgegeben von Anselm Haverkamp, Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2007
– Collins, Peter, Changing Ideals in Modern Architecture 1750-1950, London: Faber & Faber, 1965
– Derrida, Jacques, „The Retrait of Metaphor“ [1978], in : Enclitic Vol. II., Fall 1978, S. 5-33
– Derrida, Jacques, „La mythologie blanche. La métaphore dans le texte philosophique“ [1971] in: Derrida, Jaques, Marges de la Philosophie, Paris: Les éditions de minuit, 1972, S. 247-324.
– Gerber, Andri, Metageschichte der Architektur. Ein Lehrbuch für angehende Architekten und Architekturhistoriker, Bielefeld: Transcript Verlag, 2014
– Gerber, Andri, Patterson, Brent (Hsg.), Metaphors in architecture and urbanism, Transcript Verlag, Bielefeld, 2013
– Gerber, Andri, Theorie der Städtebaumetaphern, Peter Eisenman und die Stadt als Text, Zürich: Chronos Verlag, 2012
– Hnilica, Sonja, Metaphern für die Stadt: zur Bedeutung von Denkmodellen in der Architekturtheorie, Bielefeld: Transcript, 2012
– Konersmann, Ralf, Wörterbuch der philosophischen Metaphern, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2007
– Stierle, Karlheinz, Der Mythos von Paris. Zeichen und Bewusstsein der Stadt, Carl Hanser Verlag, Wien: Carl Hanser Verlag, 1993

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Über Andri Gerber

Andri Gerber (1974) ist Stadtmetaphorologe. Er ist als Dozent für Städtebaugeschichte am Departement Architektur, Gestaltung und Bauingenieurwesen der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur und Dozent für Architekturgeschichte an der Universität Liechtenstein tätig. Zur Zeit arbeitet er am Institut gta der ETH Zürich an einer Habilitation (gefördert durch ein Ambizione-Stipendium des Schweizerischen Nationalfonds der Wissenschaften SNF).

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