Fredericks »unnormale« Notvorräte

Kunst – Stadt – Normalität, No 4

Eine Fabelwerkstatt für zukünftige Katastrophen

Welche Katastrophen kommen auf uns zu? Auf welche Katastrophen sollen wir uns vorbereiten? Haben wir unterschiedliche Vorstellungen darüber, ob und wie wir uns vorbereiten sollen?
Wir präsentieren hier Resultate eines Laborexperiments, das wir mit KatastrophenexpertInnen (am Zentrum für interdisziplinäre Forschung in Bielefeld), KünstlerInnen (an der Akademie Schloss Solitude in Stuttgart), sowie einem Querschnitt durch die Wiener Bevölkerung (in der Franz-von-Assisi Kirche in Wien) durchgeführt haben.1
Das Experiment nimmt seinen Ausgang beim Kinderbuch »Frederick« von Leo Lionni (Lionni 2009). Frederick ist eine Maus, die statt Vorräte zu sammeln lieber verträumt in den Himmel schaut. Als in einem besonders langen und harten Winter die Vorräte ausgehen und die Mäuse in Panik geraten, beginnt Frederick von den Farben und Gerüchen des Frühlings zu erzählen. Die Mäuse sind so gebannt davon, dass sie ihren Hunger vergessen und den Winter überleben.
Frederick stellt wichtige Fragen an eine Katastrophenvorsorge: Wer entscheidet über Katastrophenvorsorge und Notvorräte (das Kollektiv oder jeder für sich)? Welche Notvorräte sollen für welche Katastrophen vorbereitet werden (Essen oder Erzählungen)?
Denn das Problem ist ja: wir sind gewohnt, in »Normkatastrophen« zu denken. Wir stellen uns auch noch die Umkehrung des Normalzustandes als etwas Normiertes vor, das wir schon kennen. (Historische) Natur- oder Technikkatastrophen oder auch kriegerische Auseinandersetzungen sind jene Messlatte, die wir meist anlegen. Zudem geht es um Grösse und die Materialität eines Ereignisses: eine »richtige« Katastrophe fügt vielen Menschen Schaden zu und ist in der materiellen Welt wahrnehmbar. Bei einer Katastrophe sterben Menschen und Häuser werden beschädigt. Diese Einschränkung und Normierung zeigt sich gerade auch bei Katastrophenszenarien, die von staatlichen Katastrophenexperten erstellt werden, genauso wie in populären Darstellungen, etwa in Hollywoodfilmen.

Darstellung »normaler« Katastrophenszenarien (Cabinet Office 2010)

Darstellung »normaler« Katastrophenszenarien (Cabinet Office 2010)

Um Frederick in ein Experiment umzusetzen, haben wir uns methodisch bei psychodiagnostischen Sandspielen bedient (Mitchell and Friedman 1994). Ziel war es, eine Methode zu entwickeln, die es erlaubt, von beliebigen Personen möglichst überraschende Katastrophen- und Vorsorgeszenarien zu erheben. Bei den Spielen im Sandkasten ging es also auch um die Frage, wie sich neben »Normkatastrophen« seltene, seltsame, schwervorstellbare Ereignisse inszenieren lassen.
Der Sandkasten hat gegenüber andern Methoden den Vorteil, dass er keine sprachlichen Fähigkeiten voraussetzt und beliebige Welten abbilden kann.

Sandkisten-Setup

Sandkisten-Setup

Die ProjektteilnehmerInnen wurden gebeten, im Sandkasten auf drei Aufgaben zu reagieren:
1. Baue deine Welt.
2. Stelle diese Welt auf den Kopf.
3. Füge einen Notvorrat hinzu, der die Katastrophe des zweiten Schritts abgeschwächt hätte.
Insgesamt entwarfen 97 TeilnehmerInnen in der Sandkiste ein Katastrophen- und Notvorratsszenario.
Wir präsentieren hier eine Auswahl von daraus entwickelten Katastrophenszenarien und Notvorräten. Eine derartige Präsentation durch die Abbildung der zur Verfügung stehenden Medien (Transkripte, Bilder, zeitbasierte Annotate und Zeitraffervideoaufnahmen) ist nicht ganz einfach, aus den folgenden Gründen.
Erstens entstehen in der Sandkiste Bedeutungsspuren, die nicht verbalisiert werden. Die Transkripte der sprachlichen Äusserungen der Sandkastenspieler sind oft bruchstückhaft, auf Spielfiguren verweisend; deren Sinn-Verlauf ist meist nicht durch narrative Verfahren präpariert, verklebt oder geglättet. Die mehr oder weniger improvisierenden SpielerInnen sehen sich mit Spielrequisiten konfrontiert, die ihren Gedanken und Plänen einen eigenen Stempel aufdrücken, der nicht eindeutig (semiotisch) determiniert ist. Ähnlich wie in Träumen sind SpielerInnen zudem nicht ausschliesslich »sie selbst«, sondern sie zeigen mehrere »Selbst«, die sich in dem Spiel unterschiedlich Ausdruck verleihen. Im Verlauf des Spiels ensteht häufig ein komplexes und dynamisches Bedeutungsgebilde, das selbst für die SpielerInnen schwer zu durchschauen ist, geschweige denn für Aussenstehende.
Das heisst, den SpielerInnen und uns, den InitiatorInnen, ist nicht immer klar, was eigentlich in dem Sandkasten erzählt werden sollte.

Wie kann eine Beschreibung der gesammelten Sandkastenszenarien erfolgen? Wie kann mit diesen Schwierigkeiten umgegangen werden? Wie kann das umfangreiche Material eines Sandkastenspiels verdichtet werden? Um diese Fragen zu untersuchen, haben wir uns zweier Kunstgriffe bedient: Erstens haben wir die audiovisuellen Daten zu fabelartigen Erzählungen komprimiert. Zweitens haben wir die Notvorräte mittels gefundener Gegenstände materialisiert. Im Folgenden möchten wir eine kleine Auswahl dieser Fabeln und Notvorräte präsentieren.

Szenario 1: Grausame Vernunft vergiesst Blut
A. Die Fabel
Vorbemerkung: Die folgende Fabel wird beispielhaft in Phasen zerlegt und entsprechende Sandkastenbilder wurden in Bezug zu dem Fabeltext gesetzt.
Die Sandkastenspielerin agiert hier als Fuchs und verwandelt sich während des Spieles in einen Affen – nicht zu verwechseln mit dem bösen Affen und den Affenzwillingen in der Sandkiste. Diese Affenzwillinge stellen noch eine weiteres »Alter Ego« der Spielerin dar.

Die Welt (Phase 1)
Es begab sich, dass der böse Affe den Fuchs beauftragte, eine grosse Versammlungsstätte in die Welt zu bauen. Unter dem Vorwand, neue Gesellschaftsmännchen zu erzeugen, lockte er Publikum dorthin, um ihm Blut zu entziehen und neue Gedanken einzupflanzen. Denn eigentlich ging es dem bösen Affen um‘s Geschäft und nicht um eine bessere Welt. Der Versammlungsort, den der Fuchs gebaut hatte, bestand aus schützenden Mauern und einem Wassergraben, so dass der böse Affe jederzeit kontrollieren konnte, wer aus- und einging.

Die Welt (Phase 1)

Die Welt (Phase 1)

Die Welt (Phase 2)
Bei der Durchführung der Versammlung und bei der Unterweisung des Publikums halfen dem bösen Affen die Affenzwillinge, zwei seiner nahen Verwandten. Die machten meist das, was ihnen gerade zum Vorteil gereichte. Der Auftrag des bösen Affen kam also gerade recht. Um das Publikum hinein zu locken, wies der böse Affe den schönen Tukan an, draussen in der Welt Werbung zu machen. So hatte der böse Affe an diesem Ort ein florierendes Zentrum für Blut- und Gedankentransfer geschaffen.

Die Welt (Phase 2)

Die Welt (Phase 2)

Die Katastrophe (Phase 3)
Doch dies sollte nicht immer so bleiben. Eines Tage drangen die drei Wölfe in die Versammlungsstätte ein. Sie hatten gehört, dass dort eine geheimnisvolle Erneuerung der Gesellschaft stattfinden sollte. Neugierig geworden, wollten die drei Wölfe unbedingt wissen, wie der böse Affe dies bewerkstelligte. Als die drei Wölfe auf die Bühne des grossen Auditoriums stürmten, um die Powerpoint-Folien der Vortragenden zu klauen, stob das Publikum in höchster Angst davon. Der Fuchs dachte, es wäre wohl besser, sich als Affe zu maskieren und der böse Affe versuchte, das gesammelte Blut des Publikums zu verstecken. Doch vergeblich: mit ihren feinen Nasen erschnupperten die drei Wölfe das Blut und sie begannen es gierig zu trinken.

Die Katastrophe (Phase 3)

Die Katastrophe (Phase 3)

Die Katastrophe (Phase 4)
Um etwas von dem Blut und seinem Geschäftsmodell zu retten, versuchte der böse Affe den drei Wölfen ein Geschäft anzubieten: sie sollten sich für einen Teil des Bluts an der Umerziehung das Publikums beteiligen – eines neuen Publikums, denn das alte war in die Blutsammelmaschine gefallen, die die Versammlungsstätte umgab, und es war dabei zerstückelt worden. Die drei Wölfe wussten nicht genau, ob sie das Angebot annehmen sollten, fanden sie doch Publikumfressen besser als Publikumumsschulung, denn die Publikumsstückchen hatten besonders gut geschmeckt. Die Affenzwillinge nutzten die Gunst der Stunde und machten sich mit dem Blut-Trennfilter aus dem Staub. Ihr Plan war es, diesen komplizierten Mechanismus patentieren zu lassen, so dass sie fürderhin die Fäden in der Hand halten würden.

Die Katastrophe (Phase 4)

Die Katastrophe (Phase 4)

Der Notvorrat (Phase 5)
Mitten in dieser Verwirrung betrat plötzlich laut grunzend das Schwein die Versammlungsstätte. Es hatte die Machenschaften mit steigendem Interesse – ja Euphorie – verfolgt, und erfreut wahrgenommen, wie sich eine perfekte Performance vor seinen Augen entfaltet hatte. Denn das Schwein war Performance-Künstlerin. »Ich kenn euch gut, dich, bösen Affen, und euch, ihr Wölfe. Ihr denkt, ihr könnt‘ alles machen und kommt ungeschoren davon! Doch nein, ab jetzt wird niemand mehr euch folgen, denn alles, ja alles, was ihr ausheckt und macht, autorisiere ich flugs als Kunst und so wird niemand eure Argumente ernst nehmen und auf euer Werben herein fallen – auch nicht auf den Tukan im schönen Federkleid«.

Der Notvorrat (Phase 5)

Der Notvorrat (Phase 5)

Der Notvorrat (Phase 6)
Das neue Publikum in- und ausserhalb der Versammlungsstätte klatschte wie wild. »Ich setze Willkür gegen Willkür, denn ihr habt nichts Besseres verdient. Diese ganze Geschichte ist meine Performance, mein Werk, aus dem ich eine schöne Publikation machen werde, für die ich bereits einen tollen Vorschuss eines Verlags gekriegt habe.«

 Der Notvorrat (Phase 6)

Der Notvorrat (Phase 6)

B. Notvorrat materialisiert

Wir sehen ein Plattencover von Mussorgskys „Bilder einer Ausstellung“. Die Kunst wird uns retten und unseren Realitätsbegriff erweitern.

Wir sehen ein Plattencover von Mussorgskys »Bilder einer Ausstellung«. Die Kunst wird uns retten und unseren Realitätsbegriff erweitern.

Szenario 2: Grenzzäune

Am Ende des Spiels: Inszenierung des Notvorrats

Am Ende des Spiels: Inszenierung des Notvorrats

A. Die Fabel
Die Ratten und das Eigentum
Einst hatten die Ratten eine gute Idee:
sie ritzten Vierecke en masse in den Schnee.

Doch was musste man halten von dieser Aktion?
Eine gerechte Verteilung des Lands sollte es werden –
inklusive, und das war neu, das Recht, das Stück zu vererben.
Ein Geviert für jedes Tierchen, gross genug, um zu geben die nöt’ge Ration.

Nein, im Grundbuch verzeichnete Rechte gab‘s nicht,
und auch Streit fand kein Gehör vor Gericht.
Dies war der Grund, dass auf der Mauer
jeder gegen jeden lag auf der Lauer.

Die schnellsten der Tiere hatten die Mauern gebaut,
weil man in der Regel Nachbarn nur ungern vertraut.
Ach, soweit war es gekommen, dass nämlich unsere munteren Ratten
sich in störrisch-kleinliche Nachbarn verwandelt hatten.

Mauern und Nachbarn, so Dichter und Denker,
pflanzen Übel in die Welt und gebären Henker.
Und ach! Grund und Boden als Ware zu handeln,
lässt manch’ Tierchen zu Kapitalisten sich wandeln.

Dies’ Grüppchen von Shareholdern besetzt nun das Zentrum
und manch einem geschieht dies ohne eigenes Zutun.
Verdrängt wird der Rest in die Schrebergärten der Peripherie.
Und schon haben wir, meine Lieben, ein bisschen Hierarchie.

Schon Jean-Jacques, der Grosse, hatte gewarnt,
und auch Karl, der Marx, hatte sich, ungetarnt,
versetzt an die Stelle der Armen und Reichen,
um mit Dialektik der Welt zu stellen die Weichen.

Der Marx gibt die Kraft, zu verjagen das Kapital,
mitsamt seinen Mauern, weit weg, auf peripheres Areal.
In Gefangenschaft gesetzte Unterdrücker samt Eigentum sind das Ergebnis.
Auf jeden Fall ist diese Erschütterung ein Erlebnis.

Wie weiter nun, fragen sich die Ratten?
Was hätte verhindert dies Desaster des Privaten?
Die Welt, die gehört nicht dir oder mir,
Sie gehört uns, den Ratten, sie ist unser aller Revier.

Das Gemeinschaftseigentum, und das lasst Euch sagen,
muss diesem Umstand Rechnung tragen.
Und sollte wieder einmal Schnee die Erde bedecken,
so werden die Rattern, so viel ist gewiss, keine Vierecke stecken.

B. Notvorrat materialisiert

Das Bild für  zeigt eine Knopfschatulle mit Gemeinschafteigentums-Parzellen.

Das Bild zeigt eine Knopfschatulle mit Gemeinschafteigentums-Parzellen.

Szenario 3: Monokultur als Falle

Fig12

Am Ende des Spiels: Inszenierung des Notvorrats

 A. Die Fabel
Resilienz
Dies ist eine seltsame Welt,
die, kaum dass sie langsam entsteht, rasch wieder zerfällt.
Nein, halt! Das will ich grade nicht.
In der Bewahrung des Systems seh‘ ich meine Pflicht.

Doch hört, wie sich das Sandkastenspiel entwickelt,
und auf welchen Umwegen es sich vertrippelt:
es tritt auf: Margaret Mead, und leitet mich an:
»nimm die Figuren« sagt sie »und bau einen Clan«.

Das mach ich gern und setz‘ Agressive
gegen Friedliche in Perspektive.
Also Löwe, Tiger, und so weiter,
gegen Schaf, Pinguin, Maikäfer, die parlieren heiter.

Neben diesen Clan-Armeen postier‘ ich in den Sand,
eine Dritte, die sich erschafft ein völlig and‘res Land:
dieser Clan hat Vernunft, Repräsentation und Weisheit;
gar Zugang zur Zukunft, einen launigen Spaltbreit.

Und schliesslich die vierte Armee –
gelegen an Berg und Wasser, das hier eine Art See.
Die produziert das Virtuelle in der Multimedialität,
zu Lande, zu Wasser, wo das Reale meist ist zu spät.

Ach Margaret, was meinst du damit? Dass diese Armeen sind Resultat
von Aufzucht und gut gemischtem kuturellem Salat?
Ich bin mir nicht sicher. Liegt’s nicht eher in der Figur?
In deren molekular-genetischen Natur?

Biologischer Determinismus in Äsopischer Maske?
»Wir sind halt so!« – das Menschgeschlecht, das fabelhafte
bestehend aus Neid, Dummheit, Geiz und Eitelkeit,
aus Jägern, Opfern, List, und ein bisschen Feigheit?

Vielleicht ist‘s  ja egal, was der Grund für die Entstehung dieser Clan-Welt.
Mir scheint jedenfalls, dass sich dort die Katastrophe hat eingestellt:
Jeder für sich und Gott gegen alle.
ja: Monokulturen eingebaut als desaströse Falle.

Was hilft? Wie bewahr’ ich die Welt
vor fragiler Vulnerabilität, so, dass sie nicht auseinander fällt?

Was heisst das konkret für diese Strukturen?
Ich setz‘ auf die Liebe zwischen den Clan-Figuren
und arrangier‘ Verheiratungen, die niemand erwartet,
so dass drohende Selbstzerstörung in Diversität milde entartet:

Brüllende Aggression paart sich mit schwimmender Multimedialität;
zwei lebendige Flügel verwachsen mit passiv-technischem Gerät.
Friedfertiger Pinguin verliebt sich in bergige Struktur,
und handgreifliche Macht vermählt sich mit Wissenskultur.

Diese Crossfertilisierung wirkt befreiend und innovativ,
das ist der permanente Notvorrat gegen blockierenden Mief.
Die Paarungen stabilisieren das System
Welt, Katastrophe und Notvorrat in einem: das ist bequem.

Klar entwickelt sich nicht alles zum Guten,
und einige Paarungen beginnen zu bluten –
selbst Gott kann dies nicht ganz verhindern:
der Blick auf das Ganze muss Trennungsschmerz versuchen zu lindern.

Aber für Evolution und Verbesserung gibt‘s einen Trick:
ich halte zurück ein paar Figuren für den Augenblick,
ich hab‘ dann die sogenannte Eingreifsreserve,
Wir Perfektionisten glauben an Utopie mit erheblicher Verve.

Die Erfolgreichen der Reservefiguren verheirate ich dann,
wenn die Lage nicht optimal und ich sie besser machen kann.
Klar, Ressourcen gehören zum ungepaarten Notfall-Clan,
Doch Achtung, dass dies nicht torpediert den Katastrophenplan,

denn es kann sein, dass nun entsteht eine desaströse Kaskade,
die vertauscht Mittel und Zweck in absurder Rochade:

Erst dient der Notfall-Clan zu Katastrophenvermeidung,
dann Katastrophenvermeidung zur Notfalls-Clan Beschneidung.
Notvorrat als Quelle der Katastrophendynamik:
Schön! Das nenn ich Gedankengalvanik.

B. Notvorrat materialisiert

Ein alter Armeekopfhörer der Eingreifreserve umfasst ein fragiles Vogelnest. Es geht um verrrückte Verheiratungen von antipodischen Entitäten: Aktivität und Passivität, Krieg und Frieden vereinen sich zu Notfallsprävention mit Disasterpotential.

Ein alter Armeekopfhörer der Eingreifreserve umfasst ein fragiles Vogelnest. Es geht um verrrückte Verheiratungen von antipodischen Entitäten: Aktivität und Passivität, Krieg und Frieden vereinen sich zu Notfallsprävention mit Disasterpotential.

 Szenario 4: Präfigurierte Hierarchie

Am Ende des Spiels: Inszenierung des Notvorrats

Am Ende des Spiels: Inszenierung des Notvorrats

A. Die Fabel
Metaphern, mathematische
Es tritt maskiert auf, mit wuchtigem Schnabel,
die Spielerin, um zu erzählen folgende Fabel:
euch Beobachtern, die ihr dies Spiel konzipiert,
schlag ich ein Schnippchen, kühl und ungeniert.

Ihr hattet gedacht, dass der Figuren Bewerbungs-Gestell –
dies Kartongebilde, wo ich soll wählen den richtigen Gesell –
nicht Welt sei? Dachtet ihr, das Sandkastenspiel beginne bei Null?
Ohne Prähistorie, gleichsam als kosmischer Knall?

Diese Prä-Welt – die gefällt mir nicht.
drum halt ich Zerstörung für eine noble Pflicht,
eine, die erschafft eine bessere Welt,
wo die alte in Abstraktion zerschellt.

Wie geht das? Ich verwandle einfach diese Strukturen,
in der ihr angesiedelt habt diese seltsamen Figuren;
verwandle dies dreidimensionale Korsett,
das darstellt ein hierarchisches Bett,

wo sich Status verteilt gemäss von Schichten,
der versieht die Akteure mit höhern oder niedrigern Pflichten.
In kurzer Zeit verteil‘ ich Figuren mit sicherem Blick
in zufäll‘ger Ordnung im Sand mit seltenem Geschick.

Ja, alle nehm‘ ich aus dem gewohnten Karton
und raub‘ ihnen die dritte Dimension.
im körnigen Uterus der hölzernen Planken
kommt so die Selbstgewissheit schnell ins Wanken.

Und seht: es entsteht eine mathematische Situation,
wo ich schäl‘ das Fleisch von materialer Emotion.
Es geht der Affekt und es addier‘n sich die Nummern,
die Farben, die Formen und Richtungsvektoren, die schlummern:

Elemente, zu erwachen bereit,
gespannt zu erleben gemeinsam die Zeit;
in einer Ebene voll relationaler Energie,
doch diesmal, sag ich, ganz ohne Hierarchie.

Die Sandkiste fühlt mit und wird eine von jenen,
die sich tummeln in ihr und ein bisschen gähnen.
Auch sie kriegt ’ne Nummer und beginnt zu verstehen,
dass sie von nun an ist mit Empathie versehen.

Und dies ist der Notvorrat: die Sandkiste als empathische Sache,
als Matrix, zum Schutz der Elemente, zugleich als Wache.
Jetzt begreift sie – die Kiste –, dass sie gehen lassen muss,
all jene, die sich bewegen wollen ohne Verdruss.

Einschränkung und Freiheit, die Hand in Hand gehen,
das braucht Entscheidung aber auch Verstehen.
Anfang und Ende lösen sich auf
in der Sandkiste; dort nimmt‘s seinen Verlauf.

B. Notvorrat materialisiert

Wir sehen das Modell einer mit Empathie versehenen Sandkiste, die als Notvorrat dient, um den Spielrequisiten die Freiheit zu geben. Die Ziffer »0« an der Stirnseite verweist auf den Anfang und das Ende des Spiels der Entscheidungen.

Wir sehen das Modell einer mit Empathie versehenen Sandkiste, die als Notvorrat dient, um den Spielrequisiten die Freiheit zu geben. Die Ziffer »0« an der Stirnseite verweist auf den Anfang und das Ende des Spiels der Entscheidungen.

Szenario 5: Die grosse Glättung
(Dieses Szenario wurde von einem Spielerkollektiv mit drei Personen gespielt.)

 

Am Ende des Spiels: Inszenierung des Notvorrats

Am Ende des Spiels: Inszenierung des Notvorrats

A. Die Fabel
Malmoe und die grosse Glättung
Es begab sich, dass Malmoe eine Welt bauen sollte. Nur gab es dafür keine Anleitung. So baute Malmoe zuerst eine kleine Burg und ein Sicherheitseck. Müssen wir uns einigen, oder ist das egal? sagte ein Drittel von Malmoe. Ich bin ich! sagte ein anderes Drittel. Soll dies eine fiktionale Welt sein? fragte ein drittes Drittel.
Sie konnten sich nicht einigen, und so bauten sie, eins nach dem andern, einen Aussichtsturm, ein Transportmittel, ein Badmintonsportfeld und eine üppige Versorgungseinheit. Auch ein erster Mensch in Sicherheit kam dazu. Doch damit nicht genug, dem Menschen folgten: ein wichtiges Transportmittel, um in eine literarische Welt einzutreten;  eine einladende Aufstiegstreppe, die Unterhaltung, komplettiert von einem maximalen Raum für Kreativität und Energieunabhängigkeit. Die Welt erschien Malmoe jedoch immer noch nicht voll genug: eine Verbindung fehlte, und so baute Malmoe einen Verbindungsdamm zwischen den Objekten, die es in der Sicherheitswelt und denjenigen, die es in der Spasswelt gruppiert hatte. Malmoe war auch ökologisch gestimmt, und so beschloss es, den Damm für Fussgänger und Fahrradfahrer zu reservieren, und da sie eh bei der Sache war, platzierte sie einen grünen Fleck in der Welt. Malmoe räsonnierte: Der abstrakte Mensch muss komplementiert werden durch die konkrete Malmoe selbst. Aber das Kollektiv kam zu keinem Entschluss; das Räsonieren hatte keine Folgen für die Welt. Stattdessen platzierte es einen markierten Landeplatz, gefolgt von Leuten aus andern freundlichen Welten. Doch dieser Welt fehlte immer noch etwas. Es waren die Verfilmungsrechte. Und eine Holzhammermethode. So wurden auch diese in die Welt gebracht. Zur Krönung erhielt die Welt einen ewigen Wunschleckstein. Wer den Leckstein lecke, der würde schmecken, was auch immer er sich wünschte, und der Stein würde auch bei dauerndem Lecken nicht geringer, sondern gar grösser!
Doch die Harmonie war von kurzer Dauer. Malmoe wurde mit Auswahlkarten konfrontiert. Diese besagten: Umhüllen, Jugendtorheit! Mehrung! Ratlosigkeit brach aus. Sandsturm? Vulkanausbruch? Komet? Krieg? Schlaraffenland? Langeweile ist die grösste Gefahr. Revolution. Aber wer soll sie anzetteln? rätselte Malmoe. Da hatte ein Drittel von Malmoe eine Eingebung: eine besondere psychische Dynamik würde die Welt befallen. Die Glattbüglerin wird alles glattbügeln. Und so begann Malmoe, an allen Ecken zugleich, die Welt glattzubügeln. Der Turm brach ein, Strukturen wurden geglättet, immer tiefere Schichten wurden vom Glattbügeln erfasst. Malmoe fragte sich: Kann die Glättung reagieren auf das, was wir tun? Das Sicherheitseck blieb vorläufig verschont, die Progression hingegen war perdue. Es blieben Fluchtfantasien, vor allem in Form von Literatur; das Sicherheitseck jedoch war nun gefährdet. Malmoe räsonierte vor sich hin: »Die Konsequenzen dieser Katastrophe wollen wir gar nicht wissen, das wollen wir gar nicht durchspielen.«
Da kam ein Notvorrat gerade richtig. Woraus könnte er bestehen? Religion? dachte Malmoe laut. »Da wir ja selbst die Glättung sind, wäre die einzige Möglichkeit gewesen, die Glättung nicht denkmöglich zu machen. Kann man das Denken durch Denken verhindern?« Als Ausweg erdachte sich Malmoe eine Gegenglättung, eine wahre Verwerfung. Nur, so gab ein Drittel Malmoe zu bedenken: führt das nicht zu Regelmässigkeit? Ist dies nicht eine blosse Reparaturannahme? Könnte man die Glättung nicht verhindern? Da riefen die andern zwei Drittel im Chor: »Wir brauchen Antikörper des Denkens, da wir der Glättung hilflos ausgesetzt sind, genauso wie die Aborigines dem Schnupfen.«
Was könnte ein solcher Antikörper sein? Drogen wurden eingebracht, aber verworfen, da sie selbst bloss eine weitere Glättung waren. Da brachte ein Drittel Malmoe die Idee ein, dass die Welt statt eines Buches eine ganze Bibliothek gebraucht hätte. Der Rest von Malmoe verallgemeinerte diese Idee sogleich zu »Vielfalt«, da es für ihr Gefühl zu wenig Substanz in der Welt gab. Und so kam es, dass die Welt weiter angefüllt wurde mit Dingen, Objekten, Materialien in einer Vielfalt, wie sie die Welt bis anhin noch nicht gesehen hatte. Tabaksbeutel, Religion, Drogen, ein Widder, Menschen, Spiderman, alles! Die Welt wurde angefüllt, bis sie vor Fülle kaum mehr wiederzukennen war. Und so ward die grosse Glättung abgewendet und Malmoe lehnte sich erschöpft vor ihrer Schöpfungstätigkeit zurück und machte eine Pause in Wien.

B. Notvorrat materialisiert

Der Gegenstand stellt eine Sammlung von Ködern dar, die zum Fliegenfischen verwendet werden; es handelt sich um kleine Angelhacken mit künstlich gefertigten „Fliegen“. Diese Angelhacken/Antikörper sollen symbolisch dazu dienen, sich in glattgebügelten (Stoff)Geweben festzuhaken und diese zu entglätten.

Der Gegenstand stellt eine Sammlung von Ködern dar, die zum Fliegenfischen verwendet werden; es handelt sich um kleine Angelhacken mit künstlich gefertigten „Fliegen“. Diese Angelhacken/Antikörper sollen symbolisch dazu dienen, sich in glattgebügelten (Stoff)Geweben festzuhaken und diese zu entglätten.

Fredericks »unnormales« Katastrophen-Register
Etwa hundert TeilnehmerInnen unterschiedlicher Herkunft haben sich im Rahmen dieses Sandkasten-Setups versucht, das Unvorstellbare vorzustellen. Dabei kam eine Sammlung von Szenarien zustande, die sich erheblich von konventionellen Sammlungen dieser Art unterscheidet.
Ein erster Unterschied zu dem oben genannten »risk register« besteht darin, dass die Szenarien nicht massenmedial vorformatiert sind und deshalb nicht einfach auf einen Begriff gebracht werden können. Während unmittelbar klar ist, was ein Erdbeben oder eine Pandemie ist, verbindet sich mit den Titeln unserer Szenarien wie etwa »Grausame Vernunft vergiesst Blut« oder »Präfigurierte Hierarchie« für die Leserin, die die Szenarien nicht kennt, erst einmal wenig. Dies ist nicht ein Fehler an konziser Betitelung, sondern ein Effekt des Sandkastens als Entnormungsmaschine. Der Sandkasten produziert Szenarien, die häufig keine unmittelbare Referenz in der uns bekannten Welt hat. Umgekehrt ausgedrückt zeigt Fredericks Katastrophenregister die normalisierenden Annahmen üblicher Katastrophenszenarien auf.
Diese Unterschiede lassen sich jedoch präziser fassen. Die Darstellung normaler Katastrophenszenarien durch staatliche Experten folgt einer spezifischen Logik staatlicher, allenfalls systemischer Bedrohung, etwa im Falle von Infrastrukturen oder Pandemien. In dieser Logik bedroht eine Katastrophe Menschenleben auf einer mittleren Skala. Katastrophen sind weder apokalyptisch, weil dann die Katastrophenvorsorge nichts auszurichten hat, noch zu klein oder trivial, weil dann die Katastrophenvorsorge nicht gebraucht wird.
Die Katastrophen im Sandkasten sind von dieser Einschränkung nicht betroffen. Zwar gibt es im Sandkasten auch »handelsübliche« Katastrophen, wie etwa Überschwemmungen oder Erdbeben. Aber viele Szenarien sind grösser: In einem Szenario etwa stoppte das magnetische Feld oder in einem andern, in dem alle Lebewesen und Objekte vergraben waren, wurden diese plötzlich freigelegt. Andere Szenarien sind kleiner, sie betreffen einzelne Personen, Haushalte oder Freundeskreise, und manchmal gibt es keine Tote oder Verletzte, sondern falsche Entscheidungen oder Rätsel. Letzteres ist ein weiteres wichtiges Unterscheidungsmerkmal: im Sandkasten sind viele Szenarien philosophisch und metaphysisch. So etwa im oben dargestellten Beispiel »Grausame Vernunft vergiesst Blut«, wo die eigentliche Katastrophe darin besteht, dass die Welt eine Performance ist. In anderen Szenarien etwa verschwindet Freundschaft aus der Welt.
In vielen von diesen Katastrophen ist die Rolle herkömmlicher Katastrophenbewältigungsorganisationen und Strategien unklar. Weder eine Ambulanz, noch die Feuerwehr, noch der Zivilschutz können etwas gegen die Welt als Performance unternehmen. Ja, es ist oft nicht einmal klar, ob herkömmliche Akteure handelsfähig sind.  Fredericks unnormales Katastrophenregister hinterfragt damit unseren Katastrophenbegriff und führt vor Augen, dass für den Staat und die Massenmedien Katastrophen etwas Genormtes sind. Für Frederick hingegen finden Katastrophen über all dort statt, wo die Welt aus den Fugen gerät oder besser gesagt, in den Sand gerät.

Michael Guggenheim, Bernd Kräftner, Judith Kröll, Gerhard Ramsebner und Isabel Warner

Literatur

  1. Die Autoren danken allen Mitspielern für ihre Ideen und die Zeit, die sie uns gegeben haben und insbesondere die fantastischen Szenarien, mit denen sie uns überrascht haben. Ohne sie wäre dieses Projekt nie möglich gewesen. Wir danken dem WWTF für die grosszügige finanzielle Unterstützung durch einen art(s) and science(s) grant Nr. SSH 09-036.
Verschlagwortet mitKunst – Stadt – Normalität, No 4

Über Michael Guggenheim

Michael Guggenheim, Bernd Kräftner, Judith Kröll, Gerhard Ramsebner und Isabel Warner

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