Einquartieren

Kunst – Stadt – Normalität, No 4

Motivation
a. Sie möchten Ihr Quartier kennenlernen. Manchmal sehen Sie aus Ihrem Fenster geführte Gruppen, die sich der draussen verteilten Kunst widmen, oder den Geräuschen, die mehr sind als Lärm, oder der grosszügigen und mit Fassaden behängten Architektur. Vielleicht kämen Sie sich ignorant vor, wenn Sie einfach nur hier wohnen würden. Ihre Unruhe wird von den Medien genährt, die von Gentrifizierung, Demokratisierung, Durchmischung und Wohnungsnot schreiben.

b. Sie haben die Entwicklung des Quartiers auf vielen Ebenen und frühzeitig verfolgt. Es hat Sie besonders interessiert, ob die Planung exemplarische Fragen der Stadtentwicklung aufnimmt. Einen Auftrag haben Sie nicht. Beim Gang durchs Quartier möchten Sie den fachmännischen Blick mit einem unspezifischen Bürgersinn durchsetzen. Sie können sich das leisten und möchten das Ganze, schon bevor es fertig ist, als Ganzes sehen und erleben.

c. Wo Architektur und Kunst zusammentreffen, wird, so hoffen Sie, etwas Neues entstehen. Ihre einzige Erwartung ist die, angeregt zu werden. Im durchgängig ästhetisierten Quartier können das nur, so nehmen Sie an, nicht-ästhetische Kunstarbeiten und Kunsteingriffe. Wie auch soll das Schöne hier seine subversive Kraft entfalten! Sie bleiben offen gegenüber Kunstpraxen, die, wie Sie glauben, auf den Begriff der Kunst doch eigentlich verzichten könnten.

Qualifikation
a. Sie befassen sich nicht beruflich mit dem Quartier; Sie wohnen hier, aber als Laie. Noch nehmen Sie an keiner Führung teil und machen sich allein auf den Weg. Sie suchen das Besondere und bewegen sich im Alltäglichen. Alles ist grösser, höher und weiter als in anderen Quartieren, durchaus aber nicht ungewöhnlich. Hier wird Wohn- und Arbeitsraum geschaffen. Die Ähnlichkeiten, die Sie umgeben, versehen Sie mit temperierten Empfindungen.

b. Sie erkennen Gebäude und Zwischenräume als Umsetzungen von Bebauungsplänen und Architekturzeichnungen. Das Quartier stellt einen Mix bereit für Firmennutzungen, Wohnungen und Hochschulen. Sie akzeptieren die Ziele und Qualitäten, werden aber nicht berührt. Noch spielen Schilder und Beleuchtungen, Gardinen, Velos auf den Balkonen, als Restaurants verkleidete Kantinen, Clubs und Park atmosphärisch nicht wie geplant zusammen.

c. Sie machen ästhetische Kategorien feuilletontauglich, spielen mit begrifflichen Grenzen und Zuordnungen und verweigern einfache Wertungen. Die Verschiebung der Kunst am Bau zur Kunst im öffentlichen Raum eröffnet Ihnen ein weites Feld von Bezugnahmen, das von Beobachtungen vor Ort bis zur Inanspruchnahme kultureller, politischer und gesellschaftlicher Kategorien reicht. Nun sind Sie überall zuständig, auch wenn Sie das manchmal bedauern.

Augenschein
a. Sie sind gern Laie. Architektur und Gestaltung des Quartiers kommen Ihnen grosszügig und geregelt vor. Hier wird, wenn es fertiggestellt ist, alles funktionieren. Für die Befriedigung der alltäglichen Bedürfnisse ist gesorgt. Ähnliche Wohn- und Arbeitsräume besorgen Gemeinschaft bei ausreichender Anonymität. Kurz fragen Sie sich, was hier vorher war. Sie hoffen auf Erlebnisse, ermüden aber schon in Ihrer diffusen Aufmerksamkeit.

b. Als Fachmann wären Sie gerne mit einem anderen Fachmann unterwegs. Der Austausch vor Ort würde Ihnen etwas bringen. Gerne würden Sie auch einen Laien in angemessene Wahrnehmungs- und Bewertungsweisen einführen. Sie möchten Ihre Erfahrungen mitteilen und sich dadurch von der Langeweile befreien, die Sie, allein unterwegs, nicht abweisen können. Sie führen sie auf die widerspruchsarme Stimmigkeit der Bebauung zurück.

c. Das Quartier, sagen Sie, ist durchzogen von Lücken, die Kunst auffüllen könnte – besonders in jenen architektonischen Ensembles, die sich an Geschlossenheit und Geltung orientieren. Ihnen selbst fehlt jede Vorstellung, was hier zu tun wäre. Sie hoffen auf eine künstlerische Praxis, die, obwohl der Planung nachgeordnet, symbolisch gleichwertig ist und vom Ort vorgegebene Lebensmuster öffnet und verschiebt.

Reflexion
a. Besondere Wahrnehmungen haben sich keine eingestellt. Vieles war voraussehbar. Dem Ganzen begegnen Sie mit einer vagen Zustimmung, dem Einzelnen aber mit Aufmerksamkeit. Zwischen beiden Kategorien finden Sie keine Vermittlung. Für die Zustimmung zum Ganzen greifen Sie zu allgemeinen Begriffen und nennen es urban, grosszügig und nachhaltig. Das Einzelne fotografieren Sie mit dem Handy. Es ist Ihnen näher.

b. Das Quartier erschliesst sich Ihnen in einem einzigen Ausflug. Ihre Wahrnehmung und Bewertungen stützen sich auf Kenntnisse aktueller Stadtentwicklung und auf theoretische Neigungen. Sie sind kein Flaneur. Sie entdecken eine besondere Ausprägung gegenwärtiger Stadtentwicklung, eine Illustration verschiedener Korrektheiten. Es liegt eine Berechenbarkeit in dem Ganzen, die anderen als Ihnen gefallen muss.

c. Sie könnten, wenn es sein müsste, hier wohnen. Vielleicht wird es hier ja doch einmal bunt her- und zugehen. Aber Sie zweifeln daran. Die Planung ist nicht auf Vielfalt und Differenzen angelegt, und auch die zugelassene Kunst, die hier eingreifen und andere Welten anspielen darf, zitiert Heterogenität und Spannungen so, dass sie nicht wirklich mehr aufscheinen – stattdessen im Diskurs der Ausgebildeten, in dem Sie ja auch Ihre Beiträge sehen.

Störungen
a. Dem neuen Quartier haben nur wenige alte Häuser und eine kleine Siedlung widerstanden. Sie haben erst spät gefragt, was hier alles ausgeschlossen ist. Sie haben Jogger auf der Joggerbahn gesehen, Velos auf dem Balkon und überall Topfpflanzen. Haben Sie Kunst gesehen, solche des öffentlichen Raums? Sie sind nicht sicher. Vielleicht war sie überall da, wo Ihnen etwas aufgefallen ist.

b. Sie hoffen auf eine Ausbildung in Störkompetenzen. Neue Quartiere sind darauf angewiesen. Bereits die Planung sollte Störungen integrieren, als sich materialisierende Formen der Selbstreflexion. Kunstausbildungen können das nur leisten, wenn der Kunstbegriff nichts ausgrenzt. Sie halten das für eine unsinnige Anforderung: Künstlerinnen und Künstler sind nur für künstlerische Störungen zuständig.

c. Wo Kunst stören muss, ist sie nicht frei. Davon sind Sie überzeugt. Das Quartier, wie Sie es sehen, verpflichtet die künstlerischen Arbeiten zur Stellungnahme. Es wird Einspruch und Anpassung geben. Ihr feuilletonistischer Habitus aber möchte keine als künstlerisch deklarierte oder bestimmbare Praxis ausschliessen. So hoffen Sie doch noch auf schöne, in ihrem Verhältnis zum Ort unbestimmte Arbeiten.

Nachhall
a. Es ist alles so endgültig, dass Sie es nur konstatieren und kommentieren können. Sie stellen sich die Frage, warum das so ist, und denken an Glas, Macht und Geld. Welche Widersprüche zeigen sich in dem Gefüge, die es wieder verhandelbar und veränderbar machen könnten? Oder ist bereits die Wahrnehmung der Widersprüche eine Art Veränderung? Sie gestehen sich ein, dass eine Neueinrichtung Ihrer Wohnung nicht weiterhilft.

b. Sie akzeptieren das Quartier. Nirgends ist ja böse Absicht am Werk. Was gross gedacht ist, soll gelten. Gerne erliegen Sie dem erotischen Reiz einer gelungenen Fassade. Sie offenbart die Energie, die nur der Sichtbarkeit zukommt, in einem geometrischen Denken, das sie elegant verkleidet. Tatsächlich waren Sie versucht, die Gebäude isoliert zu betrachten. Nichts, kein Kontext sollte Sie ablenken.

c. Kunstideen sollen Ihnen das Quartier neu eröffnen, stimmen Sie aber nur traurig. Es geht um Skulpturen im Park, leuchtende Hauswände mit herausgeklappten Treppen, Klingelspiele beim Passieren der Tür,  funktionslose Namenschilder, einmalige Inszenierungen samt Dokumentationen, Bildschirme im Boden und um zu Künstlern ernannte Mieter. Hier, Sie begreifen es, ist kein Raum für das, was Sie gute Ideen nennen möchten.


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Über Manfred Gerig

Manfred Gerig, Germanist und Modellbauer, bis 2010 Dozent an der ZHdK, zuletzt mit dem Schwerpunkt Transdisziplinarität

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