Aus aktuellem Anlass: Krieg mit anderen Augen sehen. Sasha Kurmaz‘ Fotografien aus Kiew

Kunst – Stadt – Normalität, No 4

Die mediale Berichtserstattung über die dramatischen Ereignisse unserer Zeit wie die Taifun-Katastrophe auf den Philippinen, die Terroranschläge in Afghanistan, die Toten des arabischen Frühlings und diesen Winter die Maidan-Aufstände in der Ukraine ist allumfassend und allgegenwärtig. Aber will der Betrachter, Zuhörer oder Leser noch mehr darüber wissen, mehr Bilder sehen und mehr Informationen haben? Wenn es sich um Ereignisse oder Sachverhalte handelt, die weit weg stattfinden und Probleme fremder Kulturen darstellen, bleiben viele Umstände sowieso oft nicht richtig greifbar, ja fast irreal. Trotz der Informationsüberflutung hält der moderne Mensch all die offenen Fragen, schockierenden Bilder und rührenden Geschichten ziemlich gut aus. Er ist dickhäutig geworden und hat gelernt, seine Aufnahmekapazitäten im Zweifelsfall zu reduzieren. Seine Aufmerksamkeit hat sich dem Patchwork-Charakter des Lebens im digitalen Zeitalter angepasst, sein Interesse gegenüber dem ganzen medialen Trubel ist beschränkt und er will tatsächlich kaum noch mehr über die brennenden Themen seiner Gegenwart erfahren. In diesem Sinne hat es die Kunst, die sich mit den Aktualitäten beschäftigt, immer schwer, ihren Betrachter anzusprechen und ihn aufzufordern, nun durch die Kunst einen anderen Zugang zu einem medial ausgeschlachteten Thema zu finden.
Die neuen Fotos von Sasha Kurmaz1 tragen einen Teil dieses Problems gewiss in sich. Der Künstler war während der Maidan-Aufstände in Kiew unterwegs, er hat dort das beeindruckende Geschehen fotografiert. Dennoch nehmen seine Bilder Abstand von der Politik und machen uns auf Situationen aufmerksam, die von den Massenmedien nicht beachtet werden.
Kurmaz interessiert sich nicht für das Spektakuläre und Aussagekräftige. In seinen Bildern sucht man vergeblich nach einer aufgeheizten Kriegsstimmung. Man findet hier auch keine verwundeten oder protestierenden Menschen, kein Leid und keine Kampfhandlungen. Alles ist erstarrt und unbeweglich, erinnert an das verlassene Reich von Dornröschen. Alltägliche Gegenstände rücken in den Vordergrund, fungieren dort als Spuren des »Stattgefundenen« und machen den zeitlichen und räumlichen Abstand dazu klar. Durch ihre geheimnisvolle und fast mystische Erscheinung weisen die zufällig zusammengekommenen oder vom Künstler arrangierten Dinge auf die Kehrseite des Krieges hin. Das Dargestellte fordert den Betrachter auf, seine eigene Geschichten auszudenken und sich Menschen hinter den Objekten vorzustellen. Es geht aber bei weitem nicht nur um die Anregung unserer Phantasie über das im Bild Abwesende. Kurmaz‘ Bilder illustrieren vor allem eine unerschöpfliche Vitalität des menschlichen Geistes und eine bizarre Ästhetik der Ausnahmesituation. Die in seinen Blick geratenen Artefakte und Realitätsausschnitte strahlen eine Aura der Vergangenheit und Einsamkeit aus. Seine Porträts zeigen unsichere Menschen ohne Halt – sie könnten fast aus den Serien von August Sander stammen. Die Atmosphäre von Kurmaz Fotos ist bedrückt und spiegelt auf eine sehr subtile Weise die erstarrte und verzweifelte Stimmung des Landes wider. Paradoxerweise ermöglicht der distanzierte Blick des Künstlers eine besondere Nähe zum Ereignis. Man hat das Gefühl, hinter die Kulissen zu schauen und einen Einblick in das Leben, wenn es auch reglos erscheint, anstatt in den Krieg zu bekommen. Als Betrachter kann man in diese sonderbare Bildwelt eintauchen und trotz der Informationsmüdigkeit über politische Fragen in der Ukraine, einen neuen, emotionalen Zugang zu den Ereignissen auf dem Maidan bekommen.

 

 

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Über Margarita Augustin

Margarita Augustin studierte Kunstgeschichte, Soziologie und Ostslavische Philologie in Freiburg im Breisgau. Seit 2007 Lehrassistentin und Studiengangkoordinatorin am Kunstgeschichtlichen Institut der Universität Freiburg; Lehraufträge zur Fotografie, Kunst der Klassischen Moderne und zu Urban Art. Seit 2012 Promotion über Urban Art, Schwerpunkt Russland.

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