Welche Kunst für wessen Stadt?
Die Konferenz reART:theURBAN in Zürich

Ideologien der Kompensation, No 1

Künstler, Akademiker und Aktivisten aus der ganzen Welt trafen sich vom 25. bis 27. Oktober 2012 in Zürich, um gemeinsam darüber nachzudenken, was die Künste zur Entwicklung der Städte und der urbanen Gesellschaften beitragen und wie sich Künstler bei der Schaffung öffentlicher Räume einbringen können. Das Spektrum der Tagung reichte vom omnipräsenten Spiel zur kreativen Produktion, von der politischen Ökonomie zur Performancekunst, vom »Artivismus« zur Stadtplanung. Allerdings stand im Hintergrund stets die Frage: Welche Kunst für wessen Stadt?

»Ist Kunst gefährlich?« fragte der slowenische Philosoph Slavoj Žižek in seinem Abschlussvortrag. Vielleicht sollte man die Dichter aus der Stadt hinauswerfen, meinte er unter Verweis auf Platon. Allerdings räumte er ein, könne man die Dichtung nicht für alle Verbrechen verantwortlich machen, die von repressiven Regimen begangen würden, auch wenn Dichter möglicherweise dazu beitrügen, die kollektive Fantasie zu manipulieren. So verlockend dieser Vorschlag sein mag, ging er doch ein wenig über die Sache hinaus, da die Frage damit nicht mehr nur lautete, ob Kunst eine Gesellschaft zu beeinflussen vermag, sondern wie und für wen sie diese Rolle spielen kann. Auf dieses Thema kam man in den Diskussionsgruppen immer wieder zurück. Behandelt wurden dabei sowohl die Rolle der Kunst innerhalb von städtischen und demokratischen Entwicklungen vor Ort als auch die Gefahr ihrer Instrumentalisierung durch ein bestimmtes sozio-ökonomisches und politisches Regime. Wie der Geograf Erik Swyngedouw hervorhob, ist diese Frage nach dem Wie? und dem Für wen? die potenzielle politische Dimension der Kunst, wenn sie beginnt, leere Begriffe zu problematisieren, die von den städtischen Eliten ständig verwendet, aber kaum jemals hinterfragt werden – so etwa »Öffentlichkeit«, »multikulturelle Gesellschaft«, »kreative Stadt« etc. Kunst wird dann politisch, wenn sie sich wieder auf »das Gemeinsame« konzentriert und spezieller noch auf die Frage, wessen Gemeinsames dies ist, sein kann oder sollte.

Allerdings teilten nicht alle Konferenzteilnehmer diese Deutung der Künste als machtvoller politischer Faktor. Der britische Autor und Politikberater Charles Landry betonte, man solle künstlerisches Denken als eine zusätzliche Wissensdimension auffassen, die in die derzeitigen technokratisch dominierten Praktiken der Stadtplanung und Politikgestaltung allgemein integriert werden sollte. Der Philosoph Jens Badura vertrat die These, dass der Wert der Kunst darin bestehe, Konfigurationen zu schaffen, in denen die Vielfalt unserer Umgebungen aneinandergeraten und erlebt werden kann. Zugleich mahnte er, dass man nicht in die Falle tappen dürfe, einer Funktionalisierung der Künste das Wort zu reden. Schließlich betonte er, man könne die Tatsache, dass das sogenannte abstrakte Wissen notwendig sei, um unsere Welt zu ordnen, nicht ignorieren.

Das Kollektiv Spacedepartment und die Stadtaktivisten zURBS betonten hingegen die Wichtigkeit impliziten Wissens und prozessorientierter Herangehensweisen an die Stadtplanung. Spacedepartment praktizieren dies durch eine »performative Planung«, die die Ambiguität zwischen den Begriffen des Planens und des Performens ausfindig macht, und zURBS durch die sozial-künstlerische Methode, mit der Stadt zu arbeiten. Die Herausforderung besteht darin, »den langen Moment« (Charles Landry) einzuführen, also zu einer nachhaltigen Wirkung des Handelns zu gelangen. Allerdings besagt der Umstand, dass man etwas im Raum und in der Zeit fixiert, noch nichts über dessen Qualität, was sich durch einen Verweis auf Landrys eigene Kritik an der Stadt der Moderne illustrieren ließe, deren Narben im Gewebe unserer Städte nach wie vor gegenwärtig sind. Darüber hinaus lässt sich die Qualität des Bewusstseins und des Diskurses mit diesen Begriffen kaum messen. Die Macht der Künste liegt dem Soziologen Dirk Baecker zufolge darin, dass ihre Performanz zweiter Ordnung die Stadt selbst als soziale Performanz freilegt. Um zu verstehen, wie es »Fremde schaffen können, zusammen zu leben und Fremde zu bleiben«, konstruiert er ein Konzept von Vertrauensspielen, bei der eine Art »Kühler« potenzielle Konflikte zwischen Betrügern und Betrogenen beruhigt. Kunst, so seine These, stellt Vertrauensspiele zur Schau und gibt den Menschen qua Katharsis die Mittel an die Hand, zwischen den Rollen zu wechseln. Verbindet man dies mit dem von Žižek formulierten Paradox des öffentlichen Raums – »selbst wenn allen eine bestimmte unerfreuliche Tatsache bekannt ist, ändert sich alles, wenn man diese öffentlich ausspricht« –, dann könnte man argumentieren, dass die Kunst diese Rolle auf der Ebene des äußeren Scheins spielen könnte.

Kehren wir abschließend nochmals zu Žižeks polemischer Frage zurück, ob die Künste gefährlich sein können. Im Rückgriff auf die verschiedenen Perspektiven, die während der Konferenz deutlich wurden, lässt sich das fast zu offensichtliche Argument vorbringen, dass das Potenzial der Kunst nichts Illusorisches haben muss, um das gegenwärtige städtische Regime zu unterstützen, aber dass sie eine ausdrücklich politische Kraft entwickeln kann, indem sie die Büchse der Pandora im Hinblick auf aktuelle Planungs- und Entscheidungspraktiken öffnet und die Frage aufwirft, von wessen Gemeinschaft in puncto der sogenannten Sphäre der Öffentlichkeit eigentlich die Rede ist. Über wessen Urbanisierung und wessen Lebenswelt reden wir eigentlich? Die Konferenz ließ erkennen, dass es nicht um die Notwendigkeit einer gemeinsamen Sprache geht, da genau dies durch den Gebrauch leerer Signifikanten veranschaulicht wird. Vielmehr müssen wir unsere Differenzen und unser jeweiliges Verständnis offen aussprechen, um die Debatte auf eine fruchtbare Weise voranzutreiben. Dies geschieht nicht, indem man einen exzessiven »Artivismus« betreibt, der dem »Act now«-Prinzip folgt, wie es die momentan vorherrschende Tendenz zu sein scheint. Vielmehr müsse man, wie Swyngedouw meinte, aktiv darüber nachdenken und »die Gelegenheit beim Schopfe ergreifen«. Durch kritische Kunst und künstlerische Denkprozesse können wir auf eine nicht festgelegte, wohlbedachte, ja sogar politische Art und Weise den Anspruch der Konferenz verstehen: »re-art the urban« hieße dann, das Städtische vermittels der Kunst neu in Angriff zu nehmen.
www.rearttheurban.org1

Aus dem Englischen von Nikolaus G. Schneider


ENGLISH VERSION:

What art for whose urban – Reflections on
the reART:theURBAN Conference 2012

Artists, academics and activists from all corners of the world gathered in Zurich (25-27/10) to reflect upon what the arts can do for the development of the city and urban society and how artists might make a difference to the creation of public space. The reART:theURBAN conference brought together many disciplines and approaches to urban space; from pervasive gaming to creative production, from political economy to performance art, from ‚artivism‘ to urban planning… This article tries to reflect on the discussions that emerged across all these disciplines by referring to the title of the conference and asking: what art for whose urban?

‚Is art dangerous?‘ Slavoj Žižek polemically asked at the beginning of his talk in the packed Gessnerallee. Maybe poets should be thrown out of the city, he argued referring to Plato. Indeed -he recognized- one cannot blame poetry for all crimes committed under oppressive regimes, notwithstanding that poets might deliver material that contributes to the manipulation of a collective fantasy. How appealing this suggestion might be, it was somehow off the mark since the question moved beyond whether art can be a powerful means to influence a society, to how and for who art can play that role. This discussion was frequently visited during reART:theURBAN. People were both concerned with the role of art regarding urban development and local democracy, as well as the danger of the arts being instrumentalized within a certain socio-economic political regime. This how and for whom question is, what Eric Swyngedouw pointed out as the potential political dimension of the arts; when it starts to dismantle the empty signifiers which none of the urban elite hardly argues against (like ‚the public‘ , ‚multi-cultural society‘ and ‚creative cities‘ ). Art becomes political when it refocuses on ‚the common‘ as the collective and more specifically on whose common it is, can, or should be. The political in this way is understood in line with Lasswell’s basic definition ‚who gets what, when and how‘ .

It should be stressed that not all participants on the conference shared this political interpretation of the power of arts. Charles Landry stressed how artistic thinking can be seen as an additional knowledge dimension that should be integrated within the currently technocratic dominated practices of urban planning and policy making in general. Jens Badura argued that sensuous perspectives provide us with the capacity to perceive our surroundings. Indeed, processes of abstraction are a necessity –he recognized– but they are also a loss. Tacit knowledge let us perceive this manifoldness that otherwise gets lost. Aesthetics can then be regarded as other forms of world-appearances. The value of art is thus in the creation of settings where these forms can conflict, provoke discussion and be experienced. This is not done through yet another round of filling-up events or by cultural manifestations that are judged by the fulfillment of a priori expectations (instead of experiences). Maybe the arts sector should herein search one’s own conscience. Too often it has quantified its outcomes in fact and figures instead of refusing being forced in this corner or simply express embarrassment, like Žižek suggested. Taking over the enemy’s language -Žižek argued- is like making common cause with the other side. The trap not to fall into here is to argue in favor of so-called functional arts, Badura argued. However, at the same time, he stressed one should not simply ignore the necessity of so-called abstract knowledge to order our world.

From the practitioners side this puzzle can be illustrated by the thin line between city branding, whereby one fixes a city’s image, and artistic processes of identity discovery whereby a city becomes self-consciousness in an unset way. Philippe Bischof, head of the culture department in Basel, argued the arts sector should move to the latter situation in order to avoid being (mis)used. Besides he stressed the problems related to the organization of the public sector in silos of competences. A situation whereby permissions for projects in public space need a green light from forces controlling public order before even reaching the cultural department. Illustrative is the reaction of a Zurich police officer during an artistic intervention of BÖFF simultaneous to the conference whereby wooden handcrafted furniture was slowly moving through the streets. His reasoning was that you need a permit to do this as you are located in public space. Here again we might have to wonder whose ‚public‘ we are talking about. The artists did not seize the moment but escaped to the safe harbor of the conference they did not take part in, this way they lost their political potential of breaking what Gabriele Klein called the social choreography of public space. The Hello!Earth series of DIY-performances in public space illustrated this on a very personal level when one was asked to simply stand still in public space, a very discomforting experience. Spacedepartment and zURBS stressed the importance of tacit knowledge and process-oriented approaches on urban planning. Spacedepartment does this through ‚performative planning‘ which seeks out the ambiguity between notions of planning and performing, and zURBS by their social-artistic method of working with the city. Their challenge is to introduce what Landry called ‚the long moment‘ ; the sustained impact of action. However to fix something in space and time does not say anything about its intrinsic quality either, which could be illustrated by referring to Landry’s own criticism on the modernist city whose cicatrices are still present in our urban fabric. Moreover the quality of awareness and discourse is hardly measurable in these terms. The power of arts lays, according to Dirk Baecker, in its second-order performance of the city as a social performance. To understand how ’strangers can manage to live together and remain strangers‘ he builds on a concept of confidence games, whereby a cooler chills potential conflicts between betrayers and betrayed. Art, he argues puts confidence games on display, and provides -through catharsis- people with the means to shift between roles. Coupling this with Žižek’s paradox of public space ‚even if everyone knows an unpleasant fact, saying it in public changes everything‘ one can argue that art can take up this role at the level of appearances.

To conclude, let’s go back to Žižek polemic question whether arts are dangerous. Drawing upon the different perspectives raised on the conference one can state the almost too obvious argument that the potential of art for cities does not have to be a matter of illusion in order to support the present regime but that it can bear an explicitly political force in opening Pandora’s box of current planning and decision-making practices as well as raising questions on whose common the so-called public sphere is. Whose urbanization and whose lifeworld are we talking about? What the conference showed is not -as someone claimed- the need for a common language –as this is precisely what is illustrated by the use of empty signifiers. Instead we need to render explicit our differences and understandings, in order to move the debate further in a fruitful way. This is not done by excessively performing ‚artivism‘ from an immediate ‚act-now‘ principle –as seems to be the current tendency-, but as Swyngedouw argued, to actively think upon it. This, however, does not mean to do it through a stand-still, but by ’seizing the moment‘ . Through critical art and artistic thinking processes we can re-art the urban in an undetermined, well-reflected and even political way.

  1. Anlässlich der Konferenz fand am 26. Oktober 2012 im Anschluss an die Performance »100 Prozent Zürich« die 16. Ausgabe der ARCH+ features mit dem Regie-Kollektiv Rimini Protokoll und Imanuel Schipper, dem Organisator von reART:theURBAN im Theaterhaus Gessnerallee Zürich statt. www.archplus.net/features
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Über Sander Van Parijs

Sander Van Parijs promoviert am Urban Policy Research Centre und der Universität Gent und ist in dem in Zürich ansässigen sozial-künstlerischen urbanen Labor zURBS aktiv.

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