Einblick in die Welt von Rimini Protokoll – Auszug aus »ABCD«

Ideologien der Kompensation, No 1

Theater ist das, was Dich überrascht und anzieht. Du nimmst Deinen Standpunkt wahr und auch, dass es deiner ist, weil es andere gibt, mit denen du mal gerechnet hast, aber nicht heute und hier, und schon gar nicht so im Detail. Es gibt immer auch einen anderen Blick. Und was du entdeckst, ist immer etwas anderes, als was du erwartet hättest; gerade auch, wenn du losgezogen bist, um überhaupt etwas zu entdecken. – Wir sind zum ungefähr zehnjährigen Bestehen unserer Zusammenarbeit als Rimini Protokoll eingeladen worden zu einer Poetik-Dozentur über Dramatik in Saarbrücken und haben diese zum Anlass genommen, eine Bestandsaufnahme unserer Arbeit in Form einer alphabetischen Sammlung zusammenzuschreiben.  ABCD – erschienen beim Verlag Theater der Zeit – ist der Abdruck eines Online-Dokuments, in dem wir die Stichworte versammelt haben, unter denen wir diese Vorlesungen bestritten haben – in der Umgehung einer Bestimmung, der Vermeidung einer Methodik, beim Spass am Zusammentragen an Schlaglichtern und Schlagwörtern für eine Weiterarbeit am Theater und am Leben als einer Experimentierbühne. Wir hoffen, Ihr lest den Rest in Buchform1.

Herzlich, Helgard Haug, Stefan Kaegi, Daniel Wetzel – Rimini Protokoll.

 

Aufführung
Eine Stunde stillsitzen. Zwei Stunden Klappe halten. Neunzig Minuten Handy ausschalten und bei Menschen sein. Nicht zappen. Lange auf etwas gucken und damit fertig werden, dass es da ist, dass es etwas Getrenntes von Dir ist. Dass es etwas ist, was ohne Dich nicht existiert, und was Dir trotzdem nicht gehorcht. Etwas, das einmal tot sein wird, wenn Du noch lebst. Oder umgekehrt.

Aufklärung
Beim Wort Aufklärung mussten wir in der Grundschule immer kichern, weil wir das, was die uns erzählen wollten, schon wussten. Später haben wir Kant gelesen und uns über den kategorischen Imperativ geärgert. Dass einer nur tun können soll, was alle tun können, schien uns uniformierend. Auch bei Schiller hatte das einen säuerlich normierenden Ton. Wir sind froh über Menschen, die Meinungen haben. Wir hören ihnen gerne zu und merken, wie wir sie dabei verunsichern. Lustigerweise ist dabei der Begriff → Theater ein wunderbarer Katalysator. Die längste Zeit unserer Recherchen verbringen wir damit, Menschen in Büros, Operationssälen und an Ladentischen zu besuchen und mit ihnen zu überlegen, was für ein Stück Theater sie in ihrem Leben spielen. Da ist Schiller sehr weit weg. Jeder kennt das Gefühl, in der täglichen Erfindung seines Lebenswegs eine → Rolle zu spielen: eine soziale, eine selbst erfundene oder die eigene. Eine nie geprobte und doch eine sich irgendwie immer wiederholende. Man muss ja dauernd seine → Erinnerungen erfinden.

Ausbildung
Vor einigen Jahren zeigten und kommentierten wir in Krakau Videos von früheren Arbeiten: Eine Audiotour (→Kirchner), ein Bundestagsynchronsprechen (→ Deutschland 2), ein Stück, das über Feldstecher und Kopfhörer funktioniert (→ Sonde Hannover), und ein anderes, in dem argentinische Pförtner auf einer Strasse einem Publikum hinter Glas ihren Arbeitsplatz vorführen (→ Torero Portero) … Wir kamen gut voran. Trotz stockender Konsekutivübersetzung folgte das Publikum unserer Erzählung mit dieser grossen Ernsthaftigkeit, die dem Theater in Polen allgemein entgegengebracht wird… Da meldete sich ein junger Mann in der drittletzten Reihe und sagte: Das ist alles lustig und irgendwie packend, aber das ist kein Theater! Das ist keine Kunst! »Interessant«, fanden wir und fragten nach. Es stellte sich heraus, dass er als Schauspielschüler täglich acht bis zwölf Stunden daran arbeitete, gewisse Sprech- und Bewegungstechniken auf einen Punkt zu bringen, die seinen Lehrern als die Perfektion von Theater erschien. Davon konnte er in unseren Arbeiten nichts wiederfinden. Das kann ja jeder, schien er sagen zu wollen. Wir atmeten einmal tief durch. Wir mussten nicht nur eingestehen, dass mindestens einer von uns keinerlei höheres Studium zu Ende gebracht hatte, sondern auch, dass unsere Arbeiten vor allem dadurch entstehen, dass wir telefonieren, Zug fahren, in ein Notizbuch kritzeln, Waffenfabriken oder Tierhandlungen besuchen, Zeitungsanzeigen aufgeben, E-Mails schreiben und vor allem zuhören. Erst ganz am Ende gehen wir manchmal auf Theaterproben, in denen aber so gut wie nie daran gefeilt wird, wie genau etwas ausgesprochen oder wie überzeugend etwas gespielt wird. In vielem, erklärten wir ihm, ähnelt unser Beruf eher dem eines Redenschreibers, eines Journalisten, eines Politikers, eines Produzenten, eines Architekten oder eines Logistikers als dem eines → Autors oder Regisseurs, wie er ihn sich für seine Arbeit wünschte. Aber nicht trotz, sondern genau deswegen sind solche Projekte Kunst, fuhren wir fort: Weil sie nicht recht einstudiert und erst recht nicht virtuos ausgeführt sind. Weil sie ihre Regeln selber suchen. Weil wir nichts gelernt haben und auch nichts können. Weil es keine Vorbilder gibt. Weil → Kunst nicht von Können kommt. Vielleicht hat der Schauspielschüler am nächsten Tag seine Lehrer beschimpft und seine Schule verlassen.

Botschaft
»Jetzt Schauspieler?«, wurde ein argentinischer Pförtner im Publikumsgespräch zu → Torero Portero in München gefragt. »Nein, ich bin hier nicht als Schauspieler, sondern als Botschafter. Ich vertrete hier die Situation von argentinischen Pförtnern an der Schnittstelle zwischen behüteter Mittelklasse und der Strasse. Ich repräsentiere auf der Bühne die argentinische Krise in Europa«. Wer Botschafter seiner selbst ist, hat etwas zu verlieren. → Risiko

Ciudades Paralelas
(Arias/Kaegi, 2010) – Kann ein Festival etwas sein, was nicht Bühnenbilder und Ensembles in die Stadt bringt, sondern Ideen, die in jeder Stadt neu explodieren? Ciudades Paralelas (Parallele Städte) ist ein transportables Festival für urbane Interventionen in Berlin, Buenos Aires, Warschau, Zürich. Lola Arias und Stefan Kaegi laden Künstler ein, Interventionen für öffentliche Räume zu erfinden, die es in jeder Stadt gibt: Beobachtungsstationen für Situationen. Projekte, die einen täglich benutzten Raum in eine Bühne verwandeln und Zuschauer dazu verführen, Zeit in diesem Raum zu verbringen, bis sich seine Wahrnehmung verändert. Stücke, die für Massen gebaute Räume subjektiv erlebbar machen. In jeder neuen Stadt werden die acht Projekte jeweils

V.l.n.r: Call Cutta in a Box (Wroclaw 2009); die kleinste Bühne (-> Call Cutta 3); -> Cargo Sofia (Paris); -> AMAProbe zu -> Markt der Märkte; Ausblick-Theater mit Blinden (Warschau 2011 -> Ciudades Paralelas); Bühnenbildcontainer als Bühne (Brüssel 2012 -> Lagos Business Angels)

V.l.n.r: Call Cutta in a Box (Wroclaw 2009); die kleinste Bühne (→ Call Cutta 3); → Cargo Sofia (Paris); → AMAProbe zu → Markt der Märkte; Ausblick-Theater mit Blinden (Warschau 2011 → Ciudades Paralelas); Bühnenbildcontainer
als Bühne (Brüssel 2012 -> Lagos Business Angels)

frisch kontextualisiert und mit Darstellern aus der Stadt inszeniert: Dominic Huber bespielt ein Wohnhaus, dessen Bewohner das Publikum von der anderen Strassenseite her beobachtet und abhört. Gerardo Naumanns Fabrikarbeiter führen Zuschauer auf eine subjektive Reise entlang ihrer Fertigungsstrasse. Ant Hampton legt ihnen über Kopfhörer im Lesesaal einer Bibliothek Anweisungen und Fussnoten von Tim Etchells zwischen die Buchseiten. Christian Garcia schreibt einen Renaissancechor aus Gerichtsurteilen in die durch Schicksale aufgeladene Säulenhalle eines Gerichtsgebäudes, in der sich Menschen schon wegen der Architektur klein und schuldig fühlen. Mariano Pensotti lässt vier Schriftsteller als literarische Überwachungskameras Bahnhofszenen am Ort ihres Entstehens beschreiben; die Zuschauer lesen die Texte als live entstehenden Roman über den Köpfen seiner real existierenden Figuren. Ligna inszenieren ihre Hörer in einem Shoppingcenter zu einem verschwörerischen Radio-Ballett, das die Shopping Mall als Parallelstadt in Szene setzt. Lola Arias inszeniert Hotelzimmer so, dass man darin anstelle von Spuren von Hotelgästen Erzählungen des Putzdienstes findet, der vorwiegend aus Ausländerinnen besteht, die für andere Ausländer sauber machen – wie Gespenster, in deren Abwesenheit. Und Stefan Kaegi lädt spät am Abend auf ein Dach, von wo die Zuschauer gemeinsam mit einem Blinden auf all diese Projekte und die Stadt zurückblicken und sich unter dem Smoghimmel einer warmen  Sommernacht fragen, was von einem Tag in Erinnerung bleibt.

Demokratie
Wird in zweihundert Jahren in den Lexika stehen, dass das ein niedliches Projekt war? Die Herrschaft oder Macht des Volkes? Das Volk hat begonnen, seine Legitimation an die Bevölkerung abzugeben. → Deutschland 2:
Gong Bundestag
TABIB: Guten Tag, meine Damen und Herren, mein Name ist Mullah Abdelillah El Mgarib Tabib, ich bin Bonner, seit langer Zeit. Am 27. Juni möchte ich gerne den Herrn Abgeordneten Geissler vertreten. Er ist einer, der meines Erachtens solide ist und einer, der aufrichtig zu sein scheint.
STÖSSEL: Mein Name ist Katja Stössel, ich arbeite als
Gong Bundestag

Dialog
Hinter der vierten Wand, ein seltsam künstlicher Vorgang (→ Schleuse). Bei uns öfter als Monolog, der eigentlich ein Dialog mit dem Publikum ist. → You → Sprechakt

Einigkeit
Auf der Bühne langweilig. Oft unvermeidbar als Langzeitergebnis. → B-Seite → Streit

Eskapismus
Diesen Vorwurf haben wir zum ersten Mal auf uns gemünzt gehört, als es darum ging, ob unsere Arbeiten zur Berlin Biennale 2012 passen würden. Sie stand im Zeichen einer Kunst der politisch ausgerichteten Aktion. Für uns sind aber das Hinschauen, das Zuhören und die Organisation das Gegenteil einer Fluchtbewegung. → Demokratie

Fenster
Warum sind Proberäume von Theatern fast immer schwarz und haben keine Fenster? – Als gelte es, eine Art Festung zu bauen gegen das, was da draussen geschieht.

Fernsehen
Ob aus Kasachstan, Nigeria oder dem vietnamesischen Viertel der Stadt: Unsere Darsteller kommen oft aus der Ferne. Im besten Fall ist Theater das Gegenteil von Fernsehen: Nicht zuhause sitzen und betroffen sein oder ablachen darüber, was weit weg geschieht. Nah dran sein, ohne Mattscheibe zwischen Menschen, ohne Fernbedienung in der Hand. Handys ausschalten und sich gegenüber sitzen. → Realität

Fragen
Der Stücktext von → 100% Stadt besteht zu einem Grossteil aus Fragen, zu denen die 100 Repräsentanten der jeweiligen Stadt (sie entsprechen dem statistischen Raster in den Kategorien: Geschlecht, Alter, Wohnort, Nationalität und Zivilstand, → Statistik) Position beziehen: Wer mit ›Ich‹ antwortet, geht auf die eine – wer mit ›Ich Nicht‹ antwortet, auf die andere Seite der Bühne. – 100% Berlin:
Wer findet, es geht niemanden etwas an, wie er/sie lebt?
Wer trägt ein Geheimnis mit sich herum?
Wer hat das Gefühl, einer Minderheit anzugehören?
Wer liest Statistiken?
Wer fälscht Statistiken?
Wer lügt?
Wer wurde in Berlin geboren?
Wer ist nach 1989 von Ostberlin nach Westberlin gezogen?
Wer ist nach 1989 von Westberlin nach Ostberlin gezogen?
Wer ist in einer Partei?
Wer ist politisch aktiv?
Wer ist in einer Kirche?

Gericht
Das emsigste aller Schauspielhäuser. Im Berliner Strafgericht Moabit zum Beispiel finden die Vorstellungen oft im 15 Minuten Takt statt – in bis zu 30 Sälen gleichzeitig: im Gegensatz zu anderen Theatern ohne Kartenverkauf, dafür mit Leibesvisitation am Eingang. Das Publikum sitzt frontal, meist durch ein kleines Mäuerchen oder durch Panzerglas von der Bühne getrennt. Als → Kostüm tragen einige Hauptdarsteller Talare. Der Text changiert zwischen Dokutheater und Fiktion, aber das Ziel liegt immer in der → Katharsis, die im letzten Wort des Angeklagten durch Reue ausgedrückt werden soll. Kein → Applaus, sondern bestenfalls Freispruch. Im Gericht lernen wir auch Detlef Weisgerber kennen, auf den ersten Blick einfach ein interessierter Gerichtszuhörer. In »Zeugen« wird er mit seinem langen Eröffnungsmonolog für viel Verwirrung sorgen. Und auch im darauf folgenden Hörspiel »Zeugen! Ein Verhör« kommt er vor: DETLEF WEISGERBER: Im Tagesspiegel gibt es eine extra Rubrik: Das Spektakulärste der Woche. Aber ich habe von der Aufführung an der Moabit-Pforte erfahren. Unten am Eingang hängt dort der Tagesplan mit gegen 700 Verhandlungen pro Tag. Der Pförtner sagte mir, der Polizistenmord im 700er sei besonders interessant, weil es das erste Mal sei, dass ein Beamter des Sondereinsatzkommandos ums Leben kam. Zum 700er klingelt man an einer massiven Tür, dann öffnet sie sich automatisch. An der Garderobe werde ich durchsucht und abgetastet. Zur Kleidermarke bekomme ich auch gleich die Eintrittskarte. Der Weg zum Saal führt über eine Wendeltreppe. An einer Wand findet sich dort eine Bleistiftkritzelei: Ein Herz mit Flügeln. Im Foyer steht ein gutes Dutzend Menschen. Wenn drinnen noch nicht alles bereit ist, schlüpft der Kartenabreisser mehrmals hinaus, um uns zu vertrösten. Schliesslich werden die Zuhörer über einen Lautsprecher eingerufen. Die Karten werden vom uniformierten Einlasser nicht abgerissen, sondern eingezogen. Drinnen ist freie Platzwahl. Bühne und Zuschauerraum sind hell, getrennt nur durch einen Zaun auf Hüfthöhe. Ich habe mittlerweile schon sieben Sitzungen gesehen. Am Anfang war viel Medienrummel. Inzwischen werden die Sitzungen trockener und das Publikum kleiner. Aber neben mir gibt es drei bis vier Leute, die bei allen Sitzungen wiederkommen. Warum gehe ich zu Gericht? In Exodus, dem 2. Buch Mose, wird Freiheit als die Abkehr von der Willkür dargestellt. Dann aber ist das, was wir uns gegeben haben und was die Poeten besingen, das Einfügen in ein Regelwerk, vielleicht ein Getriebe.
So ging ich Anfang der 80ger Jahre, 30jährig, meine Wohnung lag 500 m Luftlinie vom Strafgericht entfernt, zu Gericht, um eine Ordnung zu erlernen. Ich hörte einen Prozess über den Versuch der Vergewaltigung. Die Genauigkeit der einen und anderen Formulierung und Betrachtung imponierte mir und so behielt ich das Gericht in guter Erinnerung. Ende der 80er Jahre erinnerte ich mich. Meine Eltern waren hochbetagt verstorben und hinterliessen mir Geld und den Willen und die Pflicht, aufzuräumen. So ging ich erneut zum Strafgericht. Ich setzte mich auf die Zuhörerbänke, mal beim Amtsgericht und mal beim Landgericht, selten beim Kammergericht. Mal sass ich vorne und mal sass ich hinten, ich sass rechts und ich sass links. Auch nach den Verhandlungspausen wechselte ich gelegentlich die Position. Von hier hörte ich Prozesse wegen Mord und Totschlag, sexuellem Missbrauch, Körperverletzung, wegen des Verdachts der organisierten Kriminalität, wegen Diebstahl und Raub, Erschleichung von Leistungen, Fahren ohne Führerschein, Drogenhandel, und ich schaute zu, wie Manfred Ewald, der Präsident des DTSB, demontiert wurde. Die letzte abgeschlossene Verhandlung, die ich hörte, war wegen Drogenhandels. Da ich lieber Öl als Sand im Getriebe bin, stand ich nach der Verhandlung auf und begab mich in die Position des letzten Richters und schrieb einen Brief und überbrachte ihn selbst:

Detlef Weisgerber
Bismarckstrasse
10625 Berlin

An den Geschäftsführenden Direktor des Kriminalgerichts Moabit
Turmstrasse 91
10555 Berlin

Berlin, im November 2003

Sehr geehrter Herr Direktor,

letzten Freitag wurde gegen 10:30 Uhr im Erdgeschoss, erster Saal links gegen einen jungen Mann wegen Drogenhandels verhandelt. Der junge Mann räumte die ihm zur Last gelegten Taten in vollem Umfang ein. Auf eine Beweisaufnahme wurde verzichtet. In seinem Schlusswort sagte der Angeklagte: »…dass ich einen der Zeugen vor einer Falschaussage bewahrt habe, so wie er sie vor der Polizei abgegeben  habe, muss mir strafmindernd zugerechnet werden«. Hat der Angeklagte einmal, zweimal oder keinmal gelogen?

Freundliche Grüsse

Detlef Weisgerber

Hauptversammlung
(Haug/Kaegi/Wetzel, 2009) – Am 8. April 2009 laden wir zu einer der aufwändigsten Inszenierungen der Spielzeit: Zur Hauptversammlung der Daimler AG im ICC Berlin in. Ein → Ready Made: Die eigentliche Regie führen diesmal nicht wir, sondern die Abteilung Investors Relations der Stuttgarter Aktiengesellschaft (→ Besetzungszettel). Vor über 8000 Aktionären wird eine riesige blaue Leinwand aufgebaut. Davor, leicht erhöht, sitzt der eine Teil des Ensembles: sechs Vorstandsmitglieder und 20 Aufsichtsräte. Hinter der Leinwand arbeiten dutzende von Bühnenarbeitern als Back-Office-Souffleure, um auf jede Frage an die Protagonisten diesen eine Antwort einflüstern zu können. Der andere Ensembleteil besteht aus den Teilhabern des Konzerns: stolzen Aktionären, Dividendehungrigen Aktionären, räuberischen Aktionären, touristischen Aktionären, kritischen Aktionären. Das Stück beginnt morgens um neun Uhr und endet erst am späten Abend mit der Entlastung des Vorstandes. Unser Beitrag besteht vor allem darin, die Hauptversammlung im Theaterprogramm anzukündigen und Aktien zu kaufen oder Aktienkäufe zu organisieren, die es unseren Zuschauern erlauben, in die Hauptversammlung zu kommen. Denn als Publikum sind hier nur Aktionäre erlaubt. → Anwalt → Präsenz → Schauspieler

Heute
Ein Stück zu generieren, das dem Heute so nah ist, dass wir den Text des Stücks vor der Aufführung selbst nicht kennen, war immer ein grosser Traum, dem wir mit → Breaking News ziemlich nah gekommen sind:
ANDREAS OSTERHAUS: Es ist jetzt siebeneinhalb Minuten vor Acht. Wir nähern uns der Hauptnachrichtenzeit im deutschen Fernsehen. Zuvor machen wir eine erste Probeschaltung und gehen jetzt live in die Nachrichten des syrischen Staatsfernsehens. Djengizkhan?
VIDEO: Djengizkhans Monitore zeigen das syrische Staatsfernsehen.
Bild läuft.
DJENGIZKHAN HASSO: Da kommen grad noch Schlagzeilen (summt den Jingle mit, dolmetscht dann simultan) … Damaskus braucht kein fremdes Zeugnis von irgendjemanden!  (summt den Jingle mit) Brüderliche Briefe an den arabischen Bruderstaat Kuwait! (summt den Jingle mit) Nach den Wahlen ruft der pakistanische Präsident Musharraf dazu auf, eine neue Koalition zu gründen! (summt den Jingle mit) A Salam Maleikum, Herzlich Willkommen, meine Damen und Herren, zu den Abendnachrichten aus Damaskus. Als zehnte Station der syrischen Brüderbriefe an die arabischen Länder ist heute eine syrische Delegation in Kuwait gewesen. Es ging um den arabischen Gipfel im März. Eine schriftliche Botschaft an den Emir von Kuwait, Scheich Al Sabah, dass er an dem Gipfel der arabischen Liga teilnehmen soll. Seine Exzellenz Scheich Sabah hat ein Schreiben von Präsident Sadat zur Teilnahme am Gipfel im März erhalten. Wallid Mullaem, der syrische Aussenminister, hat das Schreiben an den kuwaitischen Thronfolger Prinz … den Namen hab ich nicht mitbekommen … übergeben und der Thronfolger hat den Herrn Aussenminister begrüsst und hat ihm gedankt für das Schreiben. Ausserdem hat er sein Vertrauen zum Ausdruck gebracht, dass das Verhältnis zwischen den arabischen Brüderstaaten weiterhin gut sein wird. Jetzt sagt der Nachrichtensprecher, dass er hofft, dass der Gipfel der arabischen Liga erfolgreich sein wird…

Nachrichten-Theater, live aus Bagdad (-> Breaking News); Multiplayer Video Walk, Probe in Aberystwyth, 2011 (-> Outdoors)

Nachrichten-Theater, live aus Bagdad (→ Breaking News); Multiplayer Video Walk, Probe in Aberystwyth, 2011(→ Outdoors)

ANDREAS OSTERHAUS: Ja, vielen Dank Djengizkhan für diesen kurzen Einblick. Es ist nun kurz vor Acht. Inzwischen laufen in der ARD die Börsennachrichten, wir schalten nach Frankfurt:
(Video: Walters Monitore zeigen ARD Börse.)
WALTER VAN ROSSUM (in Tagesschau- Position):
Guten Abend, meine Damen und Herren. Es ist jetzt 19 Uhr 55. Im Ersten Deutschen Fernsehen laufen jetzt gerade die Börsennachrichten. Vielleicht hören wir da mal kurz rein:
(O-Ton) »… wie wir nun wissen. Daher bezweifeln Analysten die Stichhaltigkeit der Argumente …«
(unterbricht:) Das glaub ich gerne. Für wen ist das eigentlich interessant? Nur 12 Prozent der Deutschen haben Aktien. Ich habe den Eindruck, die bunten Dramen der Börse verstellen hier regelmässig den Blick auf die Tiefebene der Volkswirtschaft.
Mein Name ist Walter van Rossum. Ich interessiere mich für den Informationswert von Nachrichten. Ich habe mal eine ganz bestimmte Ausgabe der Tagesschau genauer untersucht. Dafür hatte ich Gelegenheit, der Redaktion von ARD aktuell beim Verfertigen einer Tagesschau zuzusehen. Eine der ersten Überraschungen dabei war zu entdecken, dass im Prinzip die Themen einer Tagesschau-Ausgabe eine Woche vor Sendung weitgehend feststehen und in ruhigen Zeiten ändert sich nicht sonderlich viel. (lauter Lacher im Publikum) Was gibt es da zu Lachen? Das liegt daran, dass die meisten sogenannten Aktualitäten ziemlich absehbar sind: also die Termine für die Staatsbesuche, Pressekonferenzen, Parlamentsdebatten, die Weisheiten der Wirtschaftsweisen, die Verkündung der Arbeitslosenzahlen, Weltmeisterschaften, Weltraumstarts und Modeschauen sind längst bekannt und müssen nur noch abgegrast werden. Umwerfen können diese Meldungen dann nur noch Terroristen, Amokläufer, Unfälle oder die Achse des Guten setzt sich mal wieder zur Prime Time in Bewegung. Zu den Fragen an die Tagesschau gehören auch die Fragen an mich selbst, an uns, die Zuschauer. Ich frage mich: Was wollen wir eigentlich nicht verstehen von der Welt, wenn wir die Tagesschau sehen? Und wir sind viele, die sich allabendlich zu dieser Ritualhandlung einfinden: Fast 10 Millionen Zuschauer. Das entspricht 40.000 Sälen wie dieser hier. Übrigens muss ich gestehen, es geschieht mir immer noch und immer mal wieder, dass ich mich von den Zeremonien der Tagesschau umnachten lasse. Um mein Bewusstsein wieder auf normale Betriebstemperatur zu bringen, verordne ich mir einen radikalen Perspektivenwechsel. Es ist nämlich nicht sonderlich schwer, die Tagesschau zu durchschauen, nur muss man sich dafür manchmal auf den Kopf stellen. Andreas?
ANDREAS OSTERHAUS: Es ist nun 19:59. Noch eine Minute bis zur Tagesschau. Wir schalten nun live in die Abendnachrichten auf den Programmen. Ich wiederhole noch mal kurz (alle anderen hängen ihre Senderschilder auf):  Carsten ist bei TeleSur, Simon hat online seine isländischen Nachrichten, Walter bei der ARD, Djengizkhan wechselt nun von Syrien auf KurdSat, das kurdische Sat-Fernsehen. Hans ist bei den Persern von Aischylos, Sushila hat pakistanisches PTV, Martina sieht russisches RTR. So noch dreissig Sekunden: Go!
(Video: Die Monitore zeigen die verschiedenen Nachrichtensender. Alle summen die Jingles bzw. die Werbung mit.)
ANDREAS OSTERHAUS: Trompeten-Fanfare zehn Sekunden vor 20 Uhr.
(Alle starten in ihre Nachrichten.)
ANDREAS OSTERHAUS: Wir schalten als erstes zum russischen Fernsehen. Was läuft denn da, Martina?

Nähe
Für eins unserer nächsten Stücke sind wir dabei, die Formgesetze des Theaters weiter aufzulösen, indem die Zuschauer den Darstellern nicht zuschauen, sondern sich an ihren Platz stellen, sozusagen in sie hineinschlüpfen. Was, wenn das Publikum und die Darsteller gar nicht mehr denselben Raum und dieselbe Zeit teilen, sondern nur noch ihre → Perspektive mit Hilfe von Videotechnik wie bei → Outdoors? Was, wenn sie nur noch über ein Medium vermittelt werden, das grosse Nähe erzeugt, aber virtuell bleibt? Eine Wechseldusche zwischen direkter Begegnung und vermittelter. Premierentermin: August 2013.

Nochmal
NOCHMAL und NOCHMAL und NOCHMAL – Theater als menschlicher Kopiervorgang, bei dem es kein Original gibt. → Wiederholung

Notizen, zu einer Poetikvorlesung
(VERWORFEN) – Skizzen vom Dezember 2011:
Als wir vor mehr als zehn Jahren Theaterwissenschaften studierten, war die Bühne ein lauter Ort. Grelles Licht und grosse Gefühle… Da vorne standen Menschen mit einer Vision oder einem Vorsprung an Wissen, den sie in den Zuschauerraum posaunten. Sie entschieden für ein ganzes Publikum. Sie sortierten Form so, dass sie dem Publikum ein Rätsel mit auf den Weg gaben, das zu entschlüsseln das Privileg der Gebildeten unter ihnen war. Sie hatten in langer Probezeit an einer Form geschliffen, die eindrücklich und integer vor uns stand. Niemand geriet ins Stocken, und jeden Abend geschah genau dasselbe. Dazu hatte man ja geprobt: Damit nichts Unvorhergesehenes geschah (→ Pannen). Es waren die letzten Jahre von Helmuth Kohl und die ersten von Gerhard Schröder. Es wurde durchregiert und ausgesessen. Es wurde oben gewusst und unten geschwiegen. Die Grenzen gegen Osten waren längst geöffnet, Deutschland war am Wachsen und die Kraft dieser autobetriebenen Volkswirtschaft schien nichts aufzuhalten. Zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg wurden Bundeswehrsoldaten ins Ausland geschickt. Die neue IT-Branche versprach den Märkten eine neue Welt endloser Gewinne. Die da vorne wussten, wo es lang ging. Auch im Theater. Ensembles waren hier so besetzt, dass daraus alle Figuren der Stücke zu besetzen waren: Alte und Junge, Liebhaber und Sterbende, Königinnen und Zofen, Täter und Opfer. In stetem Umbau von Bühnenbildern und Wechsel von Kostümen sollte Gesellschaft durch eine überschaubare Zahl von Menschen abgebildet werden. Schauspielschulen hatten Stundenpläne voller Techniken bereit, in denen diese Darstellung variantenreich erlernt werden konnte, ohne sie zu hinterfragen. Die Kraft der Ensembles kamen durch das Wort der → Autoren zum Leuchten. Virtuosität hier und gut gelerntes Handwerk da gingen Hand in Hand. Wurde einmal eine Vorstellung wegen Schauspieler- oder Stromausfall unterbrochen, so kamen die Techniker und Souffleure zum Einsatz. Sie sassen in den ersten Reihen, um den Schauspielern, die oft ein halbes Dutzend Rollen gleichzeitig im Kopf hatten, wieder aufs Gleis zurückzuhelfen, damit das Publikum möglichst wenig merkte. An solchen Abenden wurde danach stolz bemerkt: es sei gar niemandem aufgefallen. Perfektion wie im Kino. Die freien Theater experimentierten unterdessen mit radikalen Formen: Authentische Schmerzen hatten ihren Weg von der Performance- Kunst ins Theater gefunden; ästhetische Setzungen von hermetischer Kraft; Präzision durch formale Konsequenz und Minimalismus. Auch hier dominierten grosse Gesten, weite Sprünge, starke Sätze. Deutlich ausgesprochen und doch irgendwie über die Köpfe der Menschen hinweg. Die Musikalität stand hier über dem Inhalt von Worten. Die Bühne wurde gern geometrisch oder skulptural genutzt statt illustrativ. Daneben schallten erste Popzitate auf die Bühne. DJs standen neben oder hinter der Bühne, während Performer ihre Kinderzimmer rekonstruierten und da, wo nichts über die Welt zu sagen war, ihre Kindheitserinnerung an ihre Stelle setzten. Videofilme von Wasser oder Augen brachten einen selbstreflexiven Mediendiskurs auf die Bühne. Doch irgendwie schienen sich diese Medienskulpturen nichts zu sagen, sondern nur die Erwartung an sich selbst spiegeln zu wollen, wurde das Medium als Botschaft verstanden, aber nicht genutzt. Lobend hiess es danach, die Vorstellung habe provoziert oder die Wahrnehmung hinterfragt.
Theater war eine eigene Welt: getrennt von der bildenden Kunst, die Schauspieler für eine Art nie erwachsen gewordener Kinderclowns hielt, weit weg von der Soziologie und dem politischen Alltagsgeschehen, wo man sich sicher war, dass aus dem Theater feine Botschaften, aber keine neue → Wirklichkeit kommen würde. Theater war eher eine Art Sklave oder Rächer der Literatur, der gern grosses Kino gewesen wäre, aber letztendlich eher wirkte wie eine Art Sport, bei dem für jedes Stück neue Regeln festgelegt, das Spielfeld aber nie verlassen wurde. Mit dem neuen Jahrtausend veränderte sich diese Welt. Mit dem Worldtradecenter verloren die USA ihre weltumspannenden Muskeln. Videospiele und soziale Medien ersetzten den Leitartikel. In Guerilla-Aktionen holten sich dezentral organisierte Gruppen von Aktivisten etwas von der Macht zurück, die in der Gesellschaft des Spektakels in der Hand der Einweg-Sender lag. Über das Netz verbanden sich Menschen in dem, was früher Kolonien und heute Sweatshops waren, mit Menschen, die da wohnten, wo die Produktion hinmündete, in der sogenannten ersten Welt. Doch diese hatte plötzlich nur noch zum Schein Grenzen. Multinationale Konzerne bildeten transnationale juristische Körper, die erlaubten zu umgehen, was die Gewerkschaften und Regierungen in Gesetzen an Gerechtigkeit festgelegt hatten. Und so wurde der Unterschied zwischen oben und unten nicht nur grösser, sondern auch sichtbarer. Je vernetzter die Welt, desto einmaliger das Theater als Raum, in dem Handy und Blackberry ausgeschaltet wurden und man sich plötzlich unter Menschen gegenüber sass. Je höher der Sockel der Repräsentation, desto brennender wurde hier die Frage, wer da oben stand. Nun, nachdem sich alle Dekonstruktivisten heiser geschrien hatten, war es im Theater plötzlich ruhig genug, dass in diesem Versammlungsraum wieder zugehört werden wollte. In dieser Situation beschlossen wir, von der Bühne einen Schritt zurück zu treten, und aus einer gewissen Distanz auf die Bühnen zu schauen. Nicht die Bühne als Guckkasten zu beobachten, sondern das Theater mitsamt Zuschauerraum, das ganze Gebäude mit Garderobe, Kasse und seiner Nachbarschaft; die ganze Stadt in der es stand. Und siehe da, direkt neben dem Theater im Mousonturm in Frankfurt wohnten hunderte von alten Menschen, die noch nie im Mousonturm gewesen waren, weil es ihnen da zu laut gewesen wäre (→ Aufwachen). In Luzern befand sich das Theater direkt gegenüber einer Waffenhandlung, in der vor wenigen Jahren ein Verkäufer mit der Waffe aus dem eigenen Geschäft erschossen worden war, und das UG, der Experimentierkeller des Theaters, war eine ehemaliger Schiessstand (→ Shooting Bourbaki). Während im Hamburger Schauspielhaus blutige Rachemorde gespielt wurden, verstarben die allermeisten Hamburger leise an Krankheit oder Alter und leisteten sich als letzte Darstellung ihres Lebens ein Begräbnis mit exakt drei Trauerliedern. Diese Szenen des Abgrundes spielten direkt hier, auf der anderen Strassenseite. Wir begannen Fragen zu stellen und luden die Antwortenden auf die Bühne ein, sich selbst zu vertreten: Mit hightechgeschulten Seniorinnen bauten wir eine altersgerechte Formel-1-Strecke auf die Bühne, schiesswütige Teenager liessen wir hier CDs zertrümmern und mithilfe von Sterbebegleiterinnen rekonstruierten wir auf der selbst ablebenden Studiobühne Cinema des Hamburger Schauspielhauses, was es heisst, wenn das → letzte Wort eines jeden friedlichen Hamburgers »Mama« heisst. Wir besuchten Biologen, Pfarrer und U-Bahnfahrer und begannen, mit ihnen über ihre → Rolle in der Gesellschaft zu sprechen. Theater, Schauspiel, Kostüm, Fiktion, → Auftritt… ja, das alles hatte mit ihrem Alltag zu tun. Wir trafen Arbeitslose, die in jahrelangen Programmen für ihren Auftritt auf dem Arbeitsmarkt umgeschult wurden. Wir fanden Redenschreiber, die Politiker Botschaften in den Mund schrieben und frustriert von ungenügenden Probezeiten waren. Wir besprachen mit Markthändlern die Performance ihres Verkaufsauftrittes. Als uns Matthias Lilienthal einlud, mit ihm durch Bonn zu spazieren und Orte für Theater zu finden, stiessen wir auf den Plenarsaal, der seit kurzem nicht mehr dem Bundestag gehörte. Die Politiker hatten ihn erst vor ein oder zwei Jahren Richtung Berlin verlassen. Die Sitzreihen waren noch genau so zwischen den Parteien aufgeteilt, wie es die letzte Bundestagswahl gewollt hatte. Vorne hing der Adler genau so, wie wir es aus dem Fernsehen kannten. Das Bühnenbild der Politik lag vor uns. Unverändert, nur verlassen wie ein Schulzimmer in der → Pause…..

Ohnmacht
Bei einer Aufführung im Frankfurter Schauspiel fiel vor einigen Jahren eine Darstellerin in Ohnmacht. Für magische 15 Sekunden lag im Raum jene Stille, in der Menschen nicht wissen, was echt ist und was gespielt. Dann trat die Abendspielleitung auf und versprach dem Publikum, dass die Theaterkarten für die abgebrochene Aufführung rückerstattet würden. – Als sei das Publikum um das Theater betrogen worden, weil für einen kurzen Moment etwas Echtes geschah, das stärker in Erinnerung bleiben wird als der ganze Rest des Abends. → Pannen

Schauspiel
1) Ist, wenn Du mit einer Strumpfhose über dem Kopf in eine Bank gehst, um Geld einzuzahlen. → Revolver
2) Aufsichtsratsvorsitzender Dr. Manfred Bischoff bei der Eröffnungsrede zur → Hauptversammlung der Daimler AG 2009: »Dies ist hier weder ein Schauspiel noch ein Theaterstück«. – Auch die anderen 8000 Besucher der HV begannen ab diesem Zeitpunkt darüber nachzudenken, ob es nicht vielleicht doch genau das sein könnte. → Besetzungszettel → Präsenz

Virus
Seit Alexander Kluge sind Viren nicht mehr in erster Linie Schmarotzer, sondern eher Systemerweiterer, die nicht einen eigenen Organismus aufbauen, sondern erst einmal schauen, was schon da ist. Viren und Parasiten sind Vorbild für ein Theater, das keine machtvolle Institution sein will, sondern sich das Leben erst einmal anschaut, wie es spielt. → Ready Made Machine

Voyeurismus
Manchmal fühlen sich unsere Zuschauer wie Voyeure. Das ist eine interessante Verwechslung. Voyeure sind ja bekanntlich Spanner, die aus einem Versteck heraus Menschen in ihrem Privatraum beim Ausziehen beobachten. In unseren Stücken treten dagegen Menschen in einem öffentlich zugänglichen Raum auf und wissen sehr genau, dass und wie sie dabei beobachtet werden. Meistens haben sie ja wochenlang genau das geprobt. Trotzdem löst ihr Auftritt bei einigen Zuschauern ein Gefühl aus, als könnten sie gleich verhaftet werden, weil sie etwas Unanständiges tun. Vielleicht beruht dieses Gefühl genau auf dieser Unsicherheit, dass sie nicht genügend gut versteckt sind, nicht zuhause vor dem → Fernseher oder dem Computer, wo man jeden Moment wegzappen oder ausschalten kann. Sie fühlen sich als Voyeure, weil sie beim Zuschauen gesehen werden könnten.

Wirkung
Der grösste Fehler der → Aufklärung liegt in der Annahme, die Menschen seien nicht mündig. Zuschauer sind doch nicht krank. Das Theater ist keine Heilanstalt (→ Katharsis), sondern eher ein Museum, in dem die Dinge und Menschen aus einer gewissen hektischen Kausalität herausgehoben erscheinen. Zwecks Kontemplation. Dazu sind weder die dicken weissen Mauern des Museums notwendig noch die schwarzen Hänger der Theater. Es geht um eine bestimmte Konzentration von Aufmerksamkeit. Die wichtigste Inszenierungsarbeit geschieht im Kopf des → Zuschauers, die macht er selbst mit seinem Blick. Wir sind dafür zuständig, den Blick zu richten und das Denken im Fluss zu halten – Entertainment im besten Sinne.

 

100% Zürich, aufgeführt im Oktober 2012 in der Gessnerallee Zürich

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Bilder: Pigi Psimenou

Bilder: Pigi Psimenou

  1. Rimini Protokoll: ABCD, Hrsg: Johannes Birgfeld, Verlag Theater der Zeit, Berlin 2012/ http://www.theaterderzeit.de/buch/rimini_protokoll_-_abcd/
Verschlagwortet mitIdeologien der Kompensation, No 1

Über Rimini Protokoll

Helgard Haug, Stefan Kaegi und Daniel Wetzel haben am Giessener Institut für Angewandte Theaterwissenschaft studiert und arbeiten in unterschiedlichen Konstellationen unter dem Label Rimini Protokoll. Sie gelten als die „Protagonisten und Begründer eines neuen Reality Trends auf den Bühnen“ (Theater der Zeit), der die junge Theaterszene geprägt hat. Die Arbeiten finden in der bunten Zone zwischen Realität und Fiktion statt und haben international Aufmerksamkeit erregt. Seit 2000 entwickeln sie auf der Bühne und im Stadtraum ihr Experten-Theater, das nicht Laien sondern Experten des Alltags ins Zentrum stellt. Im Mittelpunkt ihrer Arbeit steht die Weiterentwicklung der Mittel des Theaters, um ungewöhnliche Sichtweisen auf unsere Wirklichkeit zu ermöglichen. Den Proben zu den Stücken gehen umfangreiche Recherche- und Casting- und Konzeptionsprozesse voraus, die ca. 2/3 des Arbeitsprozesses ausmachen. Seit 2004 haben Rimini Protokoll im Hebbel am Ufer ein Büro und damit Berlin zur Ersten Adresse ihrer internationalen Theaterarbeit gemacht.

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